Der Plot für eine Dystopie

Das Jahr 2021 begann mit einem Jubiläum, das nahezu unbemerkt verstrich: 25 Jahre zuvor, im Januar 1996, räumte die damalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger freiwillig ihren Schreibtisch. Sie war zurückgetreten, weil sie den so genannten „großen Lauschangriff“ nicht mittragen konnte, den ihre Regierungskoalition aus FDP und Christdemokraten einführte.

„Großer Lauschangriff“ heißt, dass zu Zwecken der Strafverfolgung private Wohnungen mit Kameras und Mikrofonen überwachten werden können und er gehört seitdem fest ins Repertoire der Ermittler.

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25 Jahre und zahlreiche neue Überwachungsgesetze später gehen solche Gesetzesvorhaben weitgehend geräuschlos über die Bühne. Kein Politiker trat zurück und nur wenige Fachleute protestierten, als die Bundesregierung beschloss, den Einsatz so der genannten Quellen-TKÜ auszuweiten.

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#LaschetKneift

Rezo und Tilo Jung laden Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Armin Laschet zum Kanzlerïnnen-Duell auf Youtube und Twitch ein mit der „Zeit“ als Medienpartner. Aber Laschet sagt ab. In einem Wahlkampf, in dem Schlammschlachten fast vollständig politische Themen verdrängt haben, klingt das wie eine Fußnote. Auf den zweiten Blick ist der Vorgang durchaus bemerkenswert. Denn was sich hier abzeichnet, ist ein Culture-Clash zweier Teilöffentlichkeiten, die nicht die gleiche Sprache sprechen. Leider sind beide Teilöffentlichkeiten ausgesprochen groß und relevant.

Unter dem Hashtag #LaschetKneift beginnt sogleich eine Debatte auf Twitter. Eine Gruppe ist enttäuscht, weil Laschet ganz offenbar die Jugend und ihre Bedürfnisse ignoriere. Die andere Gruppe ist der Ansicht, dass die Absage schlau war, weil Laschet in so einem Format nichts zu gewinnen habe. Beide Gruppen haben aus ihrer Perspektive recht, da sie ganz unterschiedliche Maßstäbe an das Handeln Wahlkämpfender anlegen. Aber in der Debatten reden sie ganz fürchterlich aneinander vorbei.

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Schlecht gefiltert

Ab dem 1. August müssen Online-Plattformen wie Youtube, Instagram, Twitch und Tiktok filtern, was ihre Nutzerinnen und Nutzer hochladen. Alle Texte, Bilder, Videos und Klänge sollen ab diesem Zeitpunkt mit einer langen Liste urheberrechtlich geschützten Materials verglichen werden. Findet sich ein Treffer, muss die Plattform den Upload blockieren. Damit ist künftig ein Verfahren gesetzlich vorgeschrieben, welches im Grunde auf Youtube als »Content ID« seit über zehn Jahren im Einsatz ist. Dort zeigte sich bereits, dass solche Filter nicht besonders gut funktionieren.

Da ein Werk in verschiedenen Varianten und Dateiformaten vorliegen kann, reicht es nicht, nur solche Uploads zu blockieren, die mit einem Original identisch sind. Stattdessen arbeiten solche Filter mit ähnlichen Algorithmen, wie sie zum Erkennen von Fingerabdrücken und Gesichtern verwendet werden. Diese sind hochentwickelt und können zum Beispiel Musikstücke auch dann noch erkennen, wenn Teile von ihnen nur zufällig im Hintergrund zu hören sind, zum Beispiel weil ein Radio läuft. Sie liefern dabei aber keine eindeutigen Ergebnisse, sondern rechnen nur die Wahrscheinlichkeit aus, mit der Klänge einem hinterlegten Musikstück entsprechen. Auch wenn sie sehr gut funktionieren, machen sie Fehler. Angesichts der massenhaften Uploads privater Nutzerinnen und Nutzer kommt es durchaus nicht selten zu solchen Fehlern.

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Game Over

Mitte Mai ging in Teilen der USA der Sprit aus. 87 Prozent der Tankstellen in Washington, D.C., saßen auf dem Trockenen, Autobesitzer kauften panikartig Benzin, die Fluggesellschaft American Airlines musste Flugpläne wegen Treibstoffmangels ändern. Der Benzinpreis stieg auf den höchsten Stand seit 2014, umgerechnet knapp 66 Eurocent pro Liter. Anzeige

Das Problem war allerdings nicht ein Mangel an Benzin, sondern dass dieses nicht mehr transportiert werden konnte: Die Rechnerinfrastruktur des Betreibers Colonial Pipeline, dessen Pipeline-System über Tausende Kilometer Benzin, Heizöl und andere Ölprodukte vom Bundesstaat Texas aus an die Ostküste der USA liefert und dort verteilt, war gehackt worden.

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Brain-Computer-Interface: Wie Sprache direkt aus dem Gehirn ausgelesen wird

Hirnströme per Brain-Computer-Interface (BCI) auszulesen, um beispielsweise mit „Gedankenkraft“ einen Cursor auf einem Bildschirm zu steuern, ist mittlerweile eine Aufgabe, die Studierende in Projektarbeiten lösen können. Allerdings ist hier mit Brain Computer Interface keine Steckverbindung ins Gehirn gemeint, sondern eine Haube voller Elektroden, wie sie seit Jahrzehnten in der Elektroenzephalografie (EEG) eingesetzt wird. Mit gestiegener Rechenleistung und Mustererkennung per Machine Learning eignen sich solche Systeme mittlerweile, um Computerspiele oder auch einen Rollstuhl zu steuern.

Üblicherweise werden die Probanden gebeten, in Gedanken eine Bewegung auszuführen – zum Beispiel den linken Arm zu heben. Ein Machine-Learning-System lernt diese Muster und kann jedes mal, wenn das Muster erkannt wird, einen zugeordneten Befehl ausführen, etwa den Cursor auf einem Bildschirm nach oben zu setzen. Da sich die Muster von Mensch zu Mensch unterscheiden, muss die Maschine für jede Person individuell trainiert werden.

Da drängt sich die Frage auf, ob sich nicht auch Sprache, Gesprochenes oder Gedanken irgendwie auslesen lassen.

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Dfinity: Warum der Internet-Computer vorerst nicht die Zukunft des Netzes ist

Geht es nach dem Informatiker und Entrepreneur Dominic Williams, dann hat seine Stiftung Dfinity vor wenigen Tagen das Internet der Zukunft eingeschaltet. Es handelt sich um einen irgendwann mal weltweiten Rechnerverbund, dessen Standorte sich derzeit in den USA, der EU und Singapur befinden. Darauf laufen virtualisierte Anwendungen ohne feste physische Adresse in sogenannten Kanistern, die auf Smart Contracts und somit Einträgen in einer Blockchain basieren. Sie enthalten Code, welcher als WebAssembly im Browser der Endanwender ausgeführt werden soll.

Ein Kanister kann eine Webseite beherbergen oder eine App, es können aber auch viele Kanister zu großen verteilten Systemen zusammengeschaltet werden. Die Kommunikation findet über ein einziges Protokoll statt, dem Internet Computer Protocol (ICP), welches Cloud-Dienste, Datenbanken, Dateisysteme, Webserver, DNS-Server und viele andere Dienste und Protokolle des heutigen Internets überflüssig machen soll – angeblich bis hin zur Antivirensoftware. Die Dienste, die auf diesem „Internet Computer“ oder „World Computer“ laufen, sind offen und können von jedem Entwickler programmiert und angeboten werden. Die bisherigen (Quasi-)Monopole der großen IT-Konzerne sollen damit gebrochen werden.

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Zusammenfassung meiner Analyse von #allesdichtmachen bei Deutschlandfunk Kultur

Der Journalist Enno Park beschäftigt sich mit dem digitalen Wandel und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Für ihn transportieren die Videos selbst schon rechtsradikale Inhalte.

„Wenn man sich alle Videos der Reihe nach anschaut“, so Park, „dann wird klar, dass sie in ihrem Subtext eine Geschichte erzählen. Auch wenn die einzelnen Videos und Personen sicher nicht rechtsradikal sind, werden Dinge erzählt, die sich auf die Schlagpunkte Lügenpresse, Merkel-Diktatur und so weiter bringen lassen.“

Park bezeichnet diesen Subtext als „Dog Whistling“. „Sie sagen etwas und senden gleichzeitig Signale aus, die nur von einer ganz bestimmten Zielgruppe verstanden werden.“ Der ehemalige US-Präsident Donald Trump habe das bis zur Meisterschaft betrieben. Das könne jedoch auch aus Versehen passieren.

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Black Box Blastoid

Für Fortschritte im Bereich der Stammzellenforschung wäre auch die Forschung an menschlichen Embryonen hilfreich, doch die ist unter anderem in Deutschland nicht oder nur sehr eingeschränkt erlaubt. Deshalb suchen Forscher nach einem Ersatz. Dafür böte sich etwa der Einsatz von Tierembryonen an. Doch diese ähneln menschlichen Embryonen nur bis zu einem gewissen Grad.

Nun haben Forscher einen möglicherweise besseren Ersatz entwickelt: aus Stammzellen hergestellte sogenannte Blastoide. Diese ähneln menschlichen Blastozysten, also Embryonen in jenem Entwicklungsstadium, in welchem aus ihnen embryonale Stammzellen für experimentelle Zwecke gewonnen werden können. In diesem Stadium besteht der Zellhaufen aus verschiedenen Teilen: Eine äußere Zellschicht umgibt einen Hohlraum, in dem sich die Vorläufer von Plazenta, Dottersack und dem eigentlichen Embryo entwickeln. Als Nächstes nistet sich dieser Zellhaufen an der Gebärmutterwand ein und beginnt mit der Entwicklung zum Fötus.

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Geschäfte mit Luca

Das Prinzip der App Luca ist einfach: Wer zum Beispiel eine Kneipe, ein Konzert oder ein Museum besucht, scannt einen QR-Code und trägt sich auf diese Weise in eine digitale Liste ein. Sollte sich herausstellen, dass sich an diesem Ort zur gleichen Zeit eine mit Sars-CoV-2 infizierte Person aufgehalten hat, werden alle, die diesen Code gescannt hatten, per App informiert, ebenso wie das Gesundheitsamt.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Wegen ihrer zahlreichen technischen Sicherheitslücken sind Datenschützer und IT-Expertinnen nicht begeistert von der App: Die gesammelten personenbezogenen Daten könnten in falsche Hände geraten und missbraucht werden. Es sei fraglich, ob die Daten ausreichend geschützt werden und ob das Konzept, mit dem Daten verschlüsselt und die Sicherheitsschlüssel verteilt werden, ausreichend ist.

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1 Meme sagt mehr als 1.000 Worte

Anfang des Jahres richteten Reddit-User Milliardenschäden bei Hedgefonds an. Sie trieben durch Kaufabsprachen den Aktienkurs des kriselnden Spielehändlers Gamestop in die Höhe, was die Fonds, die mit Leerverkäufen auf fallende Kurse gesetzt hatten, zwang, sie zu weit überhöhten Preisen zu kaufen. Das Wort vom „Meme-Stock“ machte die Runde, dem Anlagenkauf als Internet-Phänomen und Kommunikationsmuster. Viele Menschen mussten erkennen, dass Memes mehr sind als lustige Bildchen im Internet. Sie haben massive Auswirkungen auf die Gesellschaft und sind ein zentrales Medium geworden, über das gesellschaftliche Prozesse verhandelt werden.

Wenn man virale Bilder und andere Internet-Phänomene als Memes bezeichnet, finden sich eigentlich immer Schlaumeier, die einem erklären wollen, dass Memes viel mehr seien. Vordergründig stimmt das: Geprägt wurde das Wort „Meme“ vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins, der in seinem Buch „The selfish Gene“ 1976 eine Analogie zwischen biologischen und gesellschaftlichen Prozessen zog.

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