Es werde Musik!

Zwei Wochen nachdem auch auf der linken Seite das Cochlea-Implantat angeschaltet wurde, ist meine Stimmung leicht mau. Alles ist zu leise, auf der Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung in Pankow verstehe ich weniger als erwartet und allgemein hört sich alles elektrisch an. Dafür aber endlich Richtungshören. Das linke Ohr reagiert anders als das rechte auf das CI, nämlich mit einem heftigen Tinnitus, der aber verschwindet, sobald ich das CI aufsetze und einschalte. Wahrscheinlich muss sich der Hörnerv aber noch an die elektrische Reizung gewöhnen. Davon abgesehen entwickelt sich das Hören auf der linken Seite extrem schnell. Es ist immer noch ziemlich vom „Wling“ unterlegt und Menschen klingen, als hätten sie Helium inhaliert, die Entwicklung ist aber viel schneller und schon jetzt verstehe ich mit beiden CIs viel besser als zuvor mit Hörgeräten.

Beim Anpassungstermin hatten wir dann nochmal beide Seiten vorgenommen und erneut komplett durchgespielt: Wann höre ich einen Ton, wann ist er laut, sind Ton 1 und Ton 2 gleich laut usw. Da floss mit ein, dass ich sagte, alles sei insgesamt zu leise. Am Schluss machte mein Audiologe noch ein Hinweis: Der Prozessor ist so eingestellt, dass laute Geräusche automatisch runtergepegelt werden. In dem Moment fiel bei mir der Groschen. Warum ich Musik oder Filme viel zu laut mache. Warum ich beim Heavy Metal Bäcker nicht mehr richtig bestellen kann. Warum die heißgeliebte Morgenstimmung von Grieg eine indifferente Pampe ist und Metallicas Creeping Death wie Scooter klingt. Ich dachte, die Dynamik sei futsch, weil das CI nur bis zu 10 Elektroden im Ohr gleichzeitig befeuert, und versuchte mich schon gedanklich an ein Leben zwischen Depeche Mode und Sebastien Tellier zu gewöhnen. Ganz falsch.

Ich insistierte also, er möge das bitte jetzt sofort machen und mir auf das sonst nicht benötigte Programm 2 legen. Der Sprachprozessor des CI hat nämlich 4 Programme, die per Fernbedienung oder etwas fummelig über die mehrfach belegten Tasten am CI umgeschaltet werden können. Bei mir sind das jetzt 1: „Alltag mit Runterpegeln“, 2: jetzt „Alltag ohne Runterpegeln“, 3: „Fokus in lauter Umgebung“ (eine Art Richtmikrofon und mein akustisches Killerfeature in Kneipen und lauter Umgebung) und 4: „Musik“ (lässt alles möglichst ungefiltert durch, klingt aber furchtbar und hat noch immer sehr viel „Wling“).

Wieder zu Hause habe ich mir zuerst die Tagesschau im Web ohne Untertitel angesehen (alles bestens verstanden) dann eine ganze Weile Musik gehört und wurde dabei immer euphorischer. Ja, der Sound ist noch künstlich, elektrisch und Sänger klingen übers linke Ohr leicht albern, aber plötzlich war alles da und ich konnte die Musik (zumindest rechts) präzise und kristallklar wahrnehmen. Die Sonne hebt sich bei Grieg wieder langsam und majestätisch über den Horizont. Der Lautsprecher will nach den ersten Takten Akustikgitarre in Saxons „Crusader“ wieder aus der Box fallen. Und die zweite Hälfte von Metallicas „One“ ist wieder Stakkato statt Matschepampe. Und das wichtigste: Wenn man aufdreht wird es auch laut.

Ganz allgemein kann ich nun auch über Lautsprecher viel besser hören, ohne das CI an einen Kopfhörerausgang anzuschließen, was sonst eigentlich nötig war, wenn ich mir ein Video ohne Untertitel ansehen wollte. Auf Twitter schrieb ich später: „Da ändert man eine winzige Detaileinstellung im #CI und es ändert sich alles. Geil. Noch ein wenig testen, dann gibts ein Update im Blog.“ und später „(Höre Grieg und überlege, ob mein Audiologe ein Gott oder ein Idiot ist.)“ und meinte damit, dass ich diese spezielle Einstellung doch schon viel eher hätte haben können, aber über die neuerliche Verbesserung viel zu glücklich bin, um mich zu beklagen.

Was habe ich seither getan: Viel Musik aller Art gehört und auch genossen; mich in einem Bus und in der Tram sowie an einer lauten Straße unterhalten, teilweise ohne die Person anzusehen, sowie zu viert in der S-Bahn dasselbe; Jan-Uwe Fitz beim Vorlesen aus „Entschuldigen Sie meine Störung“ zugehört und endlich auch seine kleinen Späßchen zwischendurch verstanden; ein Kneipengespräch im Übereck (ruhig); FC St. Pauli gegen Hansa Rostock im Oberbaum-Eck gucken und dabei durchaus ein wenig mit den Leuten reden (alles andere als ruhig); verstehen, was jemand im Nebenzimmer laut zu mir sagt. Letzteres war wohl ungefähr das erste mal seit 1988 oder so.

Was ich mit der neuen Einstellung noch nicht gemacht habe: Beim Heavy Metal Bäcker frühstücken, telefonieren, in einen Club oder auf ein Konzert gehen und eine BVV-Sitzung besuchen. Aber morgen beginnt ja eine neue Woche.

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