Digitale Impfzertifikate

Derzeit werden im ganzen Land die Corona-Sicherheitsmaßnahmen zurückgefahren, als sei die Pandemie vorbei, während die Infektionszahlen und die Bettenbelegung wieder steigen und steigen. Dies passiert mehr oder weniger unverhohlen mit dem Argument, selber Schuld, wer sich nicht impfen lässt. Der deutsche Ethikrat lehnt Privilegien für Geimpfte ab. Doch während Debatten auf ethischer Ebene hitzig geführt werden, wird leider ein Haken auf der technischen Ebene übersehen: Die digitalen Impfzertifikate sind leider nicht zuverlässig.

Nach der Impfung stellt die Arztpraxis oder das Impfzentrum ein digitales Zertifikat aus, welches für ein Jahr gültig ist. Wie bei einem klassischen Papierdokument braucht auch ein digitales Zertifikat eine Signatur, eine Unterschrift, aus der hervorgeht, welche Stelle bezeugt, dass da eine Person geimpft wurde. Eigentlich sollte das die Praxis sein oder das Impfzentrum oder die ausstellende Apotheke – praktisch wurde das jedoch unsinnig umgesetzt: Alle digitalen Impfzertifikate tragen die Signatur des Robert-Koch-Institutes.

Das ist, als würde Angela Merkel allen ihr unterstehenden Ämtern ihre Blanko-Unterschrift zur Verfügung stellen und als seien dann sämtliche Bescheide nur noch von Angela Merkel unterschrieben, ohne das klar wäre, wer da im Einzelfall unterschrieben hat.

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16 Corona-Mythen und Fehlannahmen, die man sich abgewöhnen sollte

Im Verlauf der Sars-CoV2-Pandemie haben sich einige Mythen und Legenden herausgebildet, die es erschweren, sinnvoll über Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung zu debattieren. Die meisten dieser Mythen und Legenden haben den Effekt, dass sie eine weitere Diskussion über den jeweiligen Aspekt verhindern. Anlass für diesen Text gab eine Stellungnahme des „Expertenrates Corona der Landesregierung Nordrhein-Westfalen“, die ähnlich einem Bullshit-Bingo einen guten Teil der unten stehenden Punkte in sich vereint.

Wichtig: Hier geht es nicht um die Hirngespinste aus der Querdenken-Bewegung. Nur falls sich Leser:innen aus einer bestimmten Ecke schon freuten: Hier will ich weder das Virus oder seine Gefährlichkeit noch die Impfung oder den Sinn des Mund-Nasen-Schutzes in Frage stellen. Hier geht es nicht um Verschwörungsmythen, sondern um Ansichten, die sich festgesetzt haben und immer wieder geäußert werden, obwohl sie recht fragwürdig sind.

1. Man wisse nicht, wo die Leute sich anstecken

Streng genommen stimmt das. Wir wissen es wirklich nicht und wir wissen es noch weniger, seitdem die Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter zusammengebrochen ist. Trotzdem wissen wir eine ganze Menge: Dass Infektionen überwiegend dadurch zustande kommen, dass mehrere Menschen längere Zeit in geschlossenen Räumen miteinander verbringen. Die Konsequenz ist also, nicht mehr gemeinsam in geschlossenen Räumen herumzusitzen. Leider halten wir uns nicht daran, wenn es um Arbeitsplätze und den öffentlichen Nahverkehr geht (und bis neulich auch um Schul- und Kitaschließungen). Doch immer, wenn entsprechende Konsequenzen eingefordert werden, lautet die Antwort, wir wüssten ja gar nicht, wo die Leute sich anstecken. Ein ähnlicher Showstopper ist das Argument, erst müsse alles noch genauer erforscht werden. Ja, muss es, aber Entscheidungen müssen wir eben jetzt auf der Basis dessen fällen, was wir bereits wissen.

2. Arbeitsstätten sollten angeblich alle 60 Minuten gelüftet werden

Diese Maßnahme findet sich auf zahlreichen Webseiten, Merkblättern und Plakaten. Sie wird von Ministerien und Behörden verbreitet, von Versicherungen und Genossenschaften. Das Problem ist nur: Sie ist falsch. Die Empfehlung, alle 60 Minuten die Fenster zu öffnen, geht auf die „Technischen Regeln für Arbeitsstätten“ (ASR 3.6) der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) zurück. Sie stammen von 2012 und wurden das letzte mal 2018 verändert, beziehen sich also gar nicht auf die Sars-CoV2-Pandemie. Das bedeutet: Man soll in Räumen ohne Lüftungsanlage sowieso schon im Normalbetrieb ganz ohne Pandemie alle 60 Minuten die Fenster öffnen. So heißt es dann auch in der Broschüre „Infektionsschutzgerechtes Lüften“ von September 2020: „Diese Frequenz ist in der Zeit der Epidemie möglichst zu erhöhen.“ Wie weit sie zu erhöhen ist, steht da nicht, aber immerhin gibt es einen Fingerzeig des RKI: Es betrachtet den Aufenthalt in einem Raum mit hoher Konzentration infektiöser Aerosole von mehr als 30 Minuten als hohes Risiko. Wer alle 30 Minuten stoßlüftet, sitzt nicht mehr als 30 Minuten in einem solchen Raum.

3. Datenschutz verhindere eine effektive Corona-App

Ein besonders hartnäckiger Mythos, bei dem man den Eindruck nicht loswird, dass es hier weniger um Corona geht als darum, ein Argument zur Reduzierung des Datenschutzes zu finden. Die Legende beginnt schon bei der oft wiederholten Aussage, die Datenschützer:innen hätten sich beim Design der App gegen die Bundesregierung durchgesetzt. Das stimmt nicht. Das in Deutschland verwendete Framework für Contact-Tracing-Apps wurde durch die Marktmacht von Apple und Google durchgesetzt. Dass Contact-Tracing auf Bluetooth-Basis datenschutzfreundlicher ist, ist Nebensache. Hauptsache ist, dass Bluetooth viel genauer ist als die Positionsbestimmung per GPS, Funkzelle und WLAN. Wenn wir anfangen wollen, die Position aller Telefone zu überwachen, benötigen wir dafür keine App sondern könnten die Daten einfach von den Mobilfunk-Anbietern holen. Technisch gesehen ist das eine Funkzellenabfrage und wird vielfach zur Kriminalitätsbekämpfung eingesetzt. Dass wir die bisher zur Pandemiebekämpfung nicht einsetzen, hat keine Datenschutzdebatte verhindert, weil es dazu nie eine nennenswerte Datenschutzdebatte gab. Und es gab keine solche Datenschutzdebatte, weil kaum ein Experte das fordert. Und das ist so, weil die Daten zu ungenau und zu umfangreich wären, um fürs Contact-Tracing sinnvoll von den Gesundheitsämtern genutzt werden zu können. Es gibt durchaus offene Wünsche an die App, wie etwa eine Cluster-Erkennung, deren bisherige Nichterfüllung aber auch nichts mit Datenschutz zu tun hat.

4. In Ostasien hätten sie ohne Datenschutz viel geilere Anti-Corona-Apps

Nein. In Ostasien wird jenseits von Apps eine andere Strategie zur Bekämpfung der Pandemie verfolgt als im Westen. Sie besteht aus strenger Kontaktnachverfolgung, strenger Quarantäne nicht nur im Infektions- sondern auch im Verdachtsfall bis hin zum Lockdown und vor allem darin, dass man diese Maßnahmen nicht erst dann durchführt, wenn die Zahlen hoch sind. Apps werden entweder gar nicht verwendet oder zu einem anderen Zweck, zum Beispiel als eine Art elektronische Fußfessel um die Quarantäne zu überwachen. Eine Ausnahme ist Japan. Dort wird technisch die gleiche App verwendet wie hierzulande.

5.  Kinder seien weniger ansteckend

Diese Aussage wird fast ausschließlich in Verbindung mit dem Wunsch nach Schul- und Kita-Öffnungen geäußert. Ich habe sie auch heute, am 18. Januar 2021, wieder irgendwo gelesen, obwohl Studie um Studie um Studie aus allen Himmelsrichtungen immer wieder dasselbe Ergebnis haben: Schulschließungen tragen erheblich dazu bei, die Infektionszahlen zu senken. Ob ein Schulkind in bestimmten Altersklassen am Ende einige Prozent weniger ansteckend ist als eine erwachsene Person, ändert daran nichts.

6. Der Lockdown verhindere, dass die Kinder etwas lernen

Auch ein Argument zum Herbeiwünschen von Schul- und Kita-Öffnungen, das übersieht, dass nicht der Lockdown den Unterricht oder Betreuung verhindert, sondern nur den klassischen Präsenzunterricht. Wenn die Kinder nichts lernen, dann liegt das am mangelhaften technischen wie didaktischen Digitalisierungsgrad. Es liegt daran, dass engagierte Eltern und Lehrer:innen mit tollen Konzepten von ihren Schulverwaltungen zurückgepfiffen werden. Und es liegt am Unwillen oder der Unfähigkeit, Ersatzunterricht in Kleingruppen zu organisieren. Außerdem liegt es an der Entscheidung des Gesetzgebers, kein Geld für ausreichende Lüftungsanlagen mit Virenfilter auszugeben, deren Anschaffung für alle deutschen Klassenzimmer voraussichtlich weniger kosten würde als die Hilfszahlungen an die Lufthansa. Wenn Kinder also gerade nichts lernen, dann weil das Schulwesen wegen seiner Inflexibilität versagt und finanziell ausgetrocknet ist, worunter übrigens nicht nur die Schüler:innen sondern auch die Lehrer:innen besonders während der Pandemie leiden.

7. Die Leute würden sich nicht verantwortlich verhalten

Vielleicht tun sie das wirklich nicht, aber ich habe den Verdacht, dass die Leute, die zu „Ein Bisschen Sars muss sein“ auf der Straße tanzen oder stoisch ihren Ski-Urlaub durchführen, eine Minderheit sind. Ich glaube, die meisten Menschen wollen sich verantwortlich verhalten. Das Problem ist nur: sie können es nicht, weil sie nicht dürfen. Sie sind in einem Regelwerk gefangen, dass ihnen verantwortliches Handeln unmöglich macht. Sie können sich zum Beispiel nicht selbst in Quarantäne begeben, wenn der Verdacht auf eine Infektion besteht, weil sie keinerlei Anspruch auf Entschädigung oder Lohnfortzahlung haben und sie ihren Job riskieren, wenn sie dies ohne Anordnung der Gesundheitsämter tun. Und die Gesundheitsämter sind zusammengebrochen, was die Kontaktnachverfolgung und das Ausstellen solcher Anordnungen betrifft. Ähnliches gilt für Eltern, die ein Bußgeld riskierten, wenn sie ihre Kinder eigenmächtig aus dem Unterricht nehmen. Von Regelungen für Leute, die mit Hochrisiko-Patient:innen leben ganz zu schweigen.

8. Corona macht einsam

Auch das stimmt so nicht. Bekannte von mir machen das so: Sie haben letztes Frühjahr eine In-Group mit einer Handvoll Leute festgelegt. Diese In-Group trifft sich regelmäßig zu Aktivitäten aller Art und kümmert sich umeinander, benimmt sich aber nach außen hin als sei sie unter Quarantäne. Das ist eine effektive Verhaltensstrategie zur Pandemiebekämpfung, wenn keinerlei andere Hilfsmittel und Informationen zur Verfügung stehen. Den zahllosen Klagen, dass Corona einsam mache, stehen selten Aufrufe gegenüber, solche Gruppen zu bilden, in denen die Menschen sich dann umeinander kümmern. Bzw. es wird stillschweigend vorausgesetzt, dass die Familie eine solche Gruppe sei. Leider ist es in Deutschland kaum möglich, eine solche Gruppe zu bilden, weil das voraussetzt, dass alle Mitglieder der Gruppe verantwortlich handeln. Und das geht eben kaum, siehe voriger Punkt. Darüber hinaus verhindern allzu restriktive Gesetze, wie viele Menschen nun wie viele andere treffen dürfen, die Bildung solcher Gruppen. Menschen sind gerade wirklich einsam, aber das liegt nicht an der Pandemie, sondern an unserem Unvermögen, klug mit ihr umzugehen.

9. In Armut lebende Menschen sind besonders benachteiligt

Das stimmt, ist aber eine etwas witzlose Aussage, weil sie eigentlich bei fast allem benachteiligt sind. Seltsamerweise erinnern sich viele weniger stark von Armut betroffene Menschen erst an sie, wenn sie Argumente gegen Corona-Maßnahmen benötigen. Für politische Vorschläge, wie man in Armut lebende Menschen auf eine Weise besser stellen könnte, dass sie gut mit den Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung klar kommen, sind weniger in Armut lebende Menschen leider häufig nicht so aufgeschlossen.

10. Die bösen Vorgesetzten seien schuld

Chefs und Vorgesetzte stehen unter dem Druck, Gewinne zu erwirtschaften. Das bedeutet auch, dass sie in rechtlicher Hinsicht genau das tun und lassen, was ihnen gesetzlich vorgeschrieben ist. Tun sie weniger, müssen sie haften. Tun sie mehr und kostest es Geld (oder glauben sie, dass es Geld kostet), müssen sie das finanziell verantworten können – vor sich selbst, vor ihren Chefs und/oder vor ihren Geldgebern und Shareholdern. Die allermeisten Chefs sind keine Epidemiologen/Virologen, das heißt, sie holen sich Beratung, zum Beispiel bei ihrer lokalen IHK. Und die lokale IHK sagt ihnen, sie sollen alle 60 Minuten lüften (siehe oben) und die Mitarbeiter:innen sollten auf dem Weg zum Arbeitsplatz einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Also lassen sie alle 60 Minuten lüften und verordnen den Mund-Nasen-Schutz auf dem Weg zum Arbeitsplatz – und tun kein Bisschen mehr. Wenn ihnen dämmert, dass das nicht reicht, findet sich immer irgendwo ein Streeck, der abwiegelt und sie beruhigt. Und wenn sie Appelle aus der Politik hören, dann behandeln sie sie wie Appelle aus der Politik: Etwas Wünschenswertes, dessen man sich vielleicht annimmt, wenn man gerade die Ressourcen dafür frei hat. Aber nicht gerade in einer Krise. Und jetzt ist eben gerade Krise.

11. Zu viel Föderalismus verhindere stringente Maßnahmen

Nein, wenn alle Landesfürsten im Großen und Ganzen die gleiche Politik machen, dann ist das kein Zuviel sondern ein Zuwenig an Förderalismus. Die Ministerpräsident:innenkonferenz, eine Art Nebenregierung, die im Sozialkundeunterricht nicht erwähnt wurde, weil sie von den Gründer:innen der Republik eigentlich so nicht vorgesehen war, hätte im Gegenteil eine einmalige Möglichkeit, sich auf sehr harte Maßnahmen zu einigen, weil alle 16 immer auf die anderen 15 verweisen könnten und nie alleine dastehen, wenn sie sich in ihrem jeweiligen Bundesland für die Maßnahmen rechtfertigen müssen. Leider benutzen sie den Spruch „Wir brauchen eine bundeseinheitliche Regelung“ vor allem gerne als Ausrede, erstmal nichts oder zu wenig zu tun. Denn formal ist die Ministerpräsident:innenkonferenz kein offizielles Organ der Bundesrepublik, weshalb ihre Beschlüsse nicht bindend sind.

12. Die Parlamente müssten stärker eingebunden werden

Lieblingsfloskel von Christian Lindner wann immer er etwas zu Corona sagen soll. Die Parlamente müssen von niemandem eingebunden werden, sie sind schon eingebunden. Sie verabschieden die Infektionsschutzgesetze, auf deren Basis dann die Regierungen agieren. Und sie können diese Gesetze jederzeit ändern und sich Kompetenzen für Parlamente selbst reinschreiben. Letztlich ist die Forderung, die Parlamente müssten stärker eingebunden werden, in diesem Fall die Simulation einer Forderung: Man stellt sie und tut damit so, als würde man Forderungen haben und Politik betreiben.

13. Geimpfte würden die Krankheit nicht übertragen

Bei den meisten Infektionskrankheiten stimmt das: Wer geimpft ist, ist nicht nur immun sondern überträgt eine Krankheit auch nicht mehr weiter. Vermutlich ist das auch bei Corona so. Vielleicht aber auch nicht. Da sich das Virus im Rachenraum festsetzt, bevor es in andere Bereiche des Körpers vordringt und die Immunantwort einsetzt, ist es möglich, dass ein geimpfter Mensch nicht krank wird, aber für einige Zeit Virus im Rachen hat und an andere Menschen weiter geben kann. Das wissen wir einfach noch nicht. Solange wir das nicht wissen, ist es witzlos, über eine Impflicht und über die Aufhebung der Einschränkungen für Geimpfte zu debattieren.

14. Corona beträfe nur die Alten

Alte Menschen haben ein wesentlich größeres Risiko an Corona zu sterben. Das stimmt. Aus dem Grund fahren wir auch immer extra schnell, wenn wir mit dem Auto am Seniorenheim vorbei kommen, weil alle, die wir dort überfahren, eh bald gestorben wären.

15. Wir müssten die vulnerablen Gruppen schützen

Ja, aber die vulnerablen Gruppen sind eben nicht nur die Senioren und Behinderten in den Heimen, es sind auch die Senioren bei dir zu Hause und im Supermarkt und auf deiner Weihnachtsfeier und die Behinderten bei dir zu Hause, im Supermarkt und bei dir am Arbeitsplatz und die chronisch Kranken bei dir zu Hause, im Supermarkt und am Arbeitsplatz. Dein:e Kolleg:in hat Diabetes, dein:e Busfahrer:in ist adipös, der:die medizinische Fachangestellte ist herzkrank und die Person an der Supermarktkasse hat Asthma. Diese Leute lassen sich nicht durch Regeln für Heime schützen sondern nur durch Maßnahmen, die alle im Alltag betreffen.

16. Die meisten überleben

Zum Glück. Die Frage ist wie. Der Katalog der Langzeitfolgen der Erkrankung wird immer länger und es kristallisiert sich heraus, dass ein signifikanter Anteil der Menschen für den Rest ihres Lebens in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sind – wahrscheinlich mehr als daran sterben. Von Lungenschäden über Schäden am Herz-Kreislaufsystem bis hin zu neurologischen Beeinträchtigungen und herabgesetztem IQ ist allerlei dabei. Aber stimmt, sie sind sicherlich froh, dass sie überlebt haben.

17. Für die Kontaktnachverfolgung komme es auf eine gute Corona-Warn-App an

Nein. Eine Corona-Warnapp haben nur ein Teil der Menschen überhaupt auf ihrem Telefon installiert. Viele können auch gar nicht, weil sie nur ein veraltetes Smartphone haben. Und etwa 26 Millionen Menschen in Deutschland haben gar kein Smartphone. Im Fall eines Risikokontaktes kann es nur zu einer Warnung kommen, wenn beide, infizierte Person und gewarnte Person, die App haben. Diese doppelte Kondition verringert die Wahrscheinlichkeit stark, dass ein Risikokontakt durch die App aufgedeckt wird. Die App kann die manuelle Kontaktverfolgung also nicht ersetzen, nur ergänzen. Das heißt aber nicht, dass die App sinnlos ist. Jede durch vermiedene Infektion bremst die Verbreitung und rettet potenziell Leben. Aber die Hauptarbeit der Kontaktnachverfolgung ist Handarbeit in den Gesundheitsämtern – übrigens auch in den so viel bemühten „ostasiatischen Ländern“.

18. Der Inzidenz-Grenzwert sei nicht wissenschaftlich sondern willkürlich

Stimmt, wissenschaftlich ist der nicht, aber das muss der auch gar nicht sein. Aber willkürlich ausgedacht ist er eben auch nicht. Im Gegenteil: die Zahl 50 (bzw. 35), an der wir uns in Deutschland orientieren, ist keine Naturkonstante sondern ein einfacher Erfahrungswert: Bis zu welcher Inzidenz schaffen Gesundheitsämter es noch, die Kontakte infizierter Personen nachzuvollziehen und in Quarantäne zu schicken? Sind die Gesundheitsämter schlecht ausgestattet, kann der Wert auch viel niedriger liegen. Sind sie sehr gut ausgestattet, kann der Wert höher sein. In Deutschland ist das RKI zum Ergebnis gekommen, dass mit der bestehenden Ausstattung ab einer Inzidenz von 50 keine ausreichende Kontaktnachverfolgung mehr möglich ist und zu anderen Mitteln wie Shutdowns/Lockdowns in Landkreisen u.ä. gegriffen werden muss. Das Zusammenbrechen der Kontaktnachverfolgung bei höheren Inzidenzen ließ sich im Herbst 2020 in Echtzeit beobachten. Und auch, was passiert, wenn ein Überschreiten der 50 durch die verantwortlichen Politiker:innen ignoriert wird. Die Zahl 50 ist übrigens wirklich schon die Grenze, ab der es nicht mehr geht. Deshalb sollte die eigentliche Richtzahl 35 betragen, um immer einen Puffer zu haben. Allerdings gilt das ganze für die Situation im Frühjahr 2020. Seitdem das Virus nicht mehr in Clustern auftaucht sondern in der Bevölkerung diffundiert, sind eigentlich noch niedrigere Inzidenzen notwendig.

SARS-CoV2 und die Krise der Parteiendemokratie

#Covid19 hat hierzulande eine Demokratiekrise ausgelöst, die noch nicht so offenkundig sichtbar ist, aber tief geht. Um zu erklären, was ich meine, muss ich ein wenig ausholen:

Vorweg: Um zwei Dinge geht es mir nicht. Es geht mir nicht um irgendwelche organisatorischen Probleme beim Impfen oder so. Das ist schlecht, muss unbedingt thematisiert werden, ist aber normale Fehleranfälligkeit und noch keine Krise.

Auch geht es mir nicht um Verquerdenker:innen und ihre Demos oder die radikal-egozentrischen Arschlöcher, die auf der Straße zu „Ein Bisschen SARS muss sein“ tanzen. Wobei die vielleicht schon als Symptom der Krise gesehen werden können, die ich meine.

Folgendermaßen: Wir haben eine Situation, die sich nur noch als Politikversagen bezeichnen lässt: Wir befinden uns in einem Lockdown, der kein richtiger Lockdown ist, weil er in vielen Bereichen riskantes Verhalten erlaubt, das er in anderen Bereichen überstreng verbietet.

Beispiel: Nur noch eine Person treffen zu dürfen ist nicht nur menschlich hart sondern verunmöglicht auch selbstorganisierte Kinderbetreuung in Kleingruppen, die gerade richtig viel Sinn ergeben würde. Stattdessen sollen Schulen und Kitas schleunigst wieder geöffnet werden.

Zusammenkünfte sind bußgeldbewehrt. Außer es handelt sich um einen S-Bahn-Waggon. Oder um Meetings und Konferenzen, obwohl die genauso gut online stattfinden könnten. Die Familie, die mit Abstand im Park rodelt, ist kein 2. Ischgl, wird aber von der Politik so behandelt.

Wir erleben eine Schieflage, in der fast alles, was mit Freizeit, persönlicher Entfaltung und seelischer Gesundheit zu tun hat, eingeschränkt wird, während Unternehmen kaum Einschränkungen unterliegen.

Man könnte der Auffassung sein, dass die Wirtschaftstätigkeit eben wichtig ist und deshalb als letzte geschlossen werden muss, aber in der Praxis läuft die Haltung darauf hinaus, Menschenleben für Profite zu opfern.

An Unternehmen richten sich allenfalls Appelle. Manche halten sie ein, viele tun es nicht. Lösungen wie „Maske auf dem Weg zum Schreibtisch“ und 1,5 m Abstand sind angesichts des Verhaltens von Aerosolen in geschlossenen Räumen ein schlechter Witz, eine Maßnahmensimulation.

Es erinnert ein wenig an den Lehrfilm „Duck and Cover“ aus dem kalten Krieg, der Kinder anwies, sich im Fall einer Atombombenexplosion unterm Tisch zu verstecken.

Diese Maßnahmen sind nicht nur teilweise untauglich, teilweise inkonsequent, teilweise ungenügend und teilweise ungerecht – sie kamen auch noch zu spät. Obwohl die Verantwortlichen mehrfach und rechtzeitig von Expert:innen auf die absehbare Entwicklung hingewiesen wurden.

Ein Beispiel unter etlichen: Auch am 7. Januar 2021 behaupten Politiker:innen noch, dass von kleinen Kindern kein Infektionsrisiko ausgehe, um Schul- und Kita-Öffnungen zu rechtfertigen.

Die Kinder, die vormittags in der Schule zusammen sitzen müssen, sollen nachmittags nicht zusammen spielen dürfen. „Kultusminister“ ist mittlerweile ein  Schimpfwort, weil der Anschein besteht, dass es nirgends so viel Bildungsresistenz gibt wie in der Bildungspolitik.

Besonders übel an der Situation ist, dass viele Politiker:innen von „Eigenverantwortung“ reden, es aber den Menschen unmöglich machen, sich sanktionsfrei verantwortlich zu benehmen, etwa in dem sie ihre Kinder aus dem Unterricht nehmen oder dem Arbeitsplatz fern bleiben.

Eigenverantwortung ist auch nicht gerade das, was du hören möchtest, wenn das Maskhole an der Supermarktkasse hinter dir keinen Mund-Nasen-Schutz trägt und das Supermarkt-Personal nicht meint, eingreifen zu müssen.

Politiker:innen sollen entscheiden und regulieren. Das mit dem Argument „Eigenverantwortung“ bleiben zu lassen, ist quasi Polit-Arbeitsverweigerung.   Ich könnte endlos so weiter machen, aber das ist aber noch nicht der springende Punkt. Der springende Punkt kommt jetzt:

In der Demokratie gibt es für ein solches Politikversagen einen Mechanismus: Die entsprechenden Politiker:innen können und sollten bei der nächsten Gelegenheit abgewählt werden. Und hier steckt das Dilemma, das aus Politikversagen eine Demokratiekrise macht:

Wir können sie nicht abwählen. Wir wissen nicht, wen wir wählen sollen. Es gab in der Pandemiebekämpfung keine Opposition. Im Gegenteil, die einzige parlamentarische Partei, die an keiner Regierung beteiligt ist (die AFD), verhält sich sogar besonders verantwortungslos.

Wir haben ein seltsames Gefüge, bei dem Expert:innen und (glaubt man Umfragen) die Öffentlichkeit sowie Angela Merkel (die sich aber auch nicht zu strengeren Regeln für Unternehmen äußert) einer Phalanx aus (teilweise korrupten) Landespolitiker:innen gegenüber stehen.

Hier sind alle Parteien vertreten: CxU, SPD, FDP, Grüne, Linke haben über die Landesregierungen allesamt am großen Politikversagen mitgewirkt, das bis heute 38795 Menschenleben kostet. In allen Parteien gibt es auch kritische Stimmen, die aber in der Regel nichts bewirken.

Dass ein @Karl_Lauterbach (SPD) meistens das richtige sagt und fordert, hält die Berliner Bildungsministerin Scheeres (SPD) nicht davon ab, unverantwortliche Entscheidungen zu treffen (hier: Oberstufen in Kürze zu öffnen). Also SPD wählen oder nicht wählen?

Wir leben aber nunmal in einer Parteiendemokratie. Wir haben nur die Wahl zwischen Parteien. Wenn alle Parteien in der Praxis dasselbe tun, ist die Demokratie selbst in der Krise, weil der Mechanismus, der Demokratie zur Demokratie macht, kaputt ist.

@saschalobo schrieb bereits, dass „die Politik“ den „Zorn der Vernünftigen“ unterschätze. Das Schlimme daran ist: Dieser Zorn weiß nicht mehr, wohin er sich kanalisieren soll.

Vielleicht steigt die nächste Kleinpartei auf, vielleicht entfremden sich Regierung und Regierte aber auch nur noch weiter von einander. Vermutlich wird der Rechtspopulismus stärker. Vor allem nimmt das dem gesamten System schleichend Autorität und Legitimierung.

Wer innerhalb des Systems keine oppositionellen Alternativen findet, ist automatisch in Opposition zum System als Ganzem. Irgendwann treibt das die Mehrheit aus der Demokratie. Ob all den Laschets und Kretschmers, Gebauers und Eisenmanns klar ist, was sie hier anzetteln?

Ergänzung to be fair: Beim Schreiben dieses Threads war mir die Kehrtwende @bodoramelows noch nicht bekannt.  In Berlin wurde auf Betreiben der (wenn ich das richtig mitbekommen habe) Linken der Unterrichtsbeginn nun doch erstmal verschoben. Keine Kehrtwende aber ein Schritt.

Update nicht ganz drei Monate später Thüringen und die Regierung Ramelow betreffend: Nee doch nicht.

Antifeminismus und Frauenfeindlichkeit sind der typische Einstieg in den Rechtsradikalismus

Ich glaube mittlerweile, dass Antifeminismus aktuell die wichtigste „Red Pill“ ist, die die Leute mental auf die Fascho-Schiene bringt. Vermutung: Das funktioniert so gut, weil fragile Männlichkeit hier sofort begeistert einrastet.

Sehr viele Männer erfahren Zurückweisungen und geraten im Laufe des Lebens in eine Phase voller Selbstzweifel. Das heißt, viele Männer durchleben mindestens in der Pubertät eine Phase, in der sie anfällig sind für ein faschistisches Rabbit-Hole.

Sie müssen nur im richtigen Moment von den falschen Leuten „abgeholt“ werden. Für gekränkte Männerseelen ist Antifeminismus wohl einer der wirkmächtigsten Opfermythen des neuen Faschismus. Wer ihn erstmal verinnerlicht hat, akzeptiert leicht auch weitere nach gleichem Muster gestrickte Opfermythen.

Das ist vor allem auch deshalb wichtig, weil Misogynie und Sexismus meist nur untergeordnet diskutiert werden, wenn es um das Erstarken rechtsradikalen Denkens geht. Zugleich sind Macho-Gehabe und „Emanzen“-Auslachen tief bei Boomern und GenX bis weit nach links verankert.

Bemerkenswert finde ich nebenbei, dass eine ganze Produkt- und Medienindustrie permanent dabei ist, in Frauen Selbstzweifel zu säen, aber Frauen/weiblich sozialisierte Menschen es trotzdem irgendwie hinkriegen, weniger anfällig für Faschismus zu sein.

Die Parallelen zwischen Sexismus und Faschismus sind sowieso frappierend. Wer Menschen aufgrund biologischer Merkmale hart in Männlein und Weiblein unterteilt und ihnen aufgrund dessen Eigenschaften und Rollen fest zuweist, tut das am Ende auch gerne mal mit „Rassen“.

Weitere Merkmale des Faschismus nach Umberto Eco, wie Tradition, Stärke oder Führerkult finden sich ebenfalls in einem sexistisch-partriachalen Weltbild wieder. Man könnte glatt denken, Sexismus ist einer der blinden Flecken, die den Fortbestand faschistischen Denkens nach 1945 sicherten.

Mario Sixtus: Warum an die Zukunft denken?

Vergangenheit: Kalter Kaffee, Gegenwart: die Finger an der Serviette putzen für – die Zukunft, in diesem Fall ein Buch von Sixtus lesen

Eigentlich haut der Titel nicht ganz hin. Der rund 130seitige Essay von Mario Sixtus sollte „Wie wir an die Zukunft denken“ heißen. Denn genau darum geht es hier, jedenfalls in den ersten vier Fünfteln des Buches. Es hält sich kaum damit auf, mögliche und vergangene Zukünfte zu beschreiben – etwas das Mario Sixtus als Journalist und Filmemacher in seinen anderen Arbeiten wie dem Film „Operation Naked“ sehr häufig getan hat – sondern geht der Frage nach, was das eigentlich ist, diese Zukunft. Vielmehr: Wie Menschen sie begreifen.

Mit einer historischen Einordnung beginnend legt er Schicht für Schicht frei, wie Menschen über Zukunft dachten und denken; dass Zukunft im Mittelalter etwas anderes war als zu Zeiten der Aufklärung oder in der Postmoderne. Dabei schillert sein Nachdenken zwischen gesellschaftlichen und psychologischen Ebenen (wobei es erstaunlich selten um seine Lieblingsthemen Digitalisierung und neue Technologien geht) und entreißt all die kurz gestreiften Konzepte und Ismen über Mensch, Gesellschaft und Zukunft den Sphären der Theorie und heftet sie an das ganz konkrete, kleine, individuelle, subjektive Leben und Erleben an. Aufrichtigerweise nimmt er damit sich selbst als Beispiel (und nicht Vorbild!), denn wessen Erleben sollte er sonst schildern?

„Warum an die Zukunft denken“ ist also kein Buch, das Theoriegebäude konstruiert, erklärt und diese debattiert. Vielmehr ist es ein „stream of consciousness“, ein Nachdenken, fast schon eine Meditation. Und hier darf der an Watzlawik erinnernde Plauderton nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Buch dicht und eigentlich äußerst knapp gehalten ist. Sein Verdienst ist, die Leserïn freundlich bei Fehlschlüssen über Zukunft, den Zustand der Welt und das eigene Leben zu ertappen. Freundlich, weil er immer auch sich selbst mit ertappt und einen versöhnlichen Ton anschlägt. Selbst wo es beispielhaft um die Tricks geht, mit denen Raucherïnnen ihre Sucht rationalisieren, oder der Widerwille zur Steuererklärung als roten Faden verwendet wird, erhebt Mario Sixtus nie den Zeigefinger.

Frappierend ist das letzte Fünftel. Spoiler: Hier geht es plötzlich um Identität und wie wir diese zurechtzimmern, wobei Konzepte von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Das ist höchst relevant in Zeiten, in denen sich zahllose Probleme von Faschismus bis Erderwärmung auf identitäre Verhaltensweisen runterbrechen lassen. Dieser letzte Teil ist viel zu kurz: Ein wenig liest sich der Essay deshalb wie ein langes erstes Kapitel eines Buches über Identität. Aber dies ist keinesfalls ein enttäuschtes Fazit von mir sondern im Gegenteil ein Hoffen auf den nächsten Band: Bitte weitermachen und mehr davon!

Mario Sixtus: Warum an die Zukunft denken, 2019, Dudenverlag

Disclaimer: Ich bin mit dem Autor befreundet.

Die Zukunft des Körpers

Gemeinsamt mit der TU Dresden und dem Cyborgs e.V. hat das Hygienemuseum Dresden eine Ringvorlesung mit dem Titel „Reale Utopien“ konzipiert. Ich habe die Gelegenheit genutzt, größere Zusammenhänge herzustellen: Was ist eigentlich ein Cyborg und was ist kybernetisches Denken? Wo stehen wir heute mit Human Enhancement? Unter welchen Umständen ist die Cyborg-Idee totalitär oder emanzipatorisch? Und was hat es eigentlich mit Posthumanismus und Transhumanismus auf sich? Mein Vortrag trägt den Titel „Die Zukunft des Körpers“, aber nachträglich würde ich ihn gerne ändern: „Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will.“

Upgrade für mein elektrisches Ohr

Wer Cochlea-Implantate hat, kann grundsätzlich alle paar Jahre neue Prozessoren dafür beantragen. Bei meinen beiden Implantationen 2011 hatte ich das Nucleus N5 (CP810) von Cochlear bekommen. Mittlerweile bietet Hersteller den Nachfolger des Nachfolgers, also das N7 (CP1000), das mich unter anderem wegen der Möglichkeit, sich mit einem iPhone zu koppeln, interessierte. Um den Sprachprozessor zu wechseln, ist kein chirurgischer Eingriff nötig. Der auszutauschende Prozessor wird wie ein Hörgerät äußerlich getragen und versorgt das eigentliche Implantat, das nicht ausgetauscht wird, über eine Sendespule mit Signalen. Also machte ich letzten Herbst einen Termin mit meiner Klinik und durfte das neue Modell ein paar Wochen testen.

Nach der Testphase überprüften wir mein Sprachverständnis, wobei sich insbesondere das Hören in Störschall ein gutes Stück besserte. Mit den Messergebnissen stellte die Klinik einen Antrag auf Kostenübernahme. In der Wartezeit durfte ich auch noch das Vorgängermodell Nukleus N6 (CP910) testen. An das N7 lässt sich nämlich kein analoges Audiokabel mehr anschließen, weshalb ich unsicher war, ob ich wirklich direkt zum N7 oder doch erstmal nur zum N6 wechseln wollte, mit dem das noch geht. Denn das Implantat per Kabel mit einer analogen Klangquelle verbinden zu können, war mir schon sehr wichtig. Letztlich entschied ich mich dann aber doch für das N7.

Heute morgen kam das Paket per UPS zu mir nach Hause. Ich war etwas überrascht, dass ich gar nicht mehr in die Klinik musste, sondern die fertig programmierten Prozessoren direkt erhielt. Ein wenig war das wie ein Überraschungsei, denn in den Schachteln waren lauter Einzelteile, die ich erst einmal zusammenbauen musste. Das dauerte allerdings nur wenige Minuten, sodass ich an der Tagung, die heute auf dem Programm stand, gleich schon mit dem neuen Gehör teilnehmen konnte.

Das Ergebnis war großartig. Der Klang ist wesentlich plastischer, ich konnte den Vorträgen mühelos folgen und mich ebenso mühelos in den Vortragspausen verständingen, ohne ein einziges mal nachfragen zu müssen. An sich funktionierte das auch schon mit dem alten Prozessor ziemlich gut, allerdings nur bei sehr leisen und sehr lauten Störgeräuschen. Sprache aus mittellautem Stimmengewirr etwa in einem Restaurant heraushören war mit dem N5 eher schwierig und geht bei mir mit dem N7 erheblich besser.

Der Scan-Mode passt sich sehr gut an die Umgebung an, ohne ständig auf auffällig hörbare Weise die Lautstärke wegsacken zu lassen, kommt mir allerdings manchmal etwas zu leise vor. Besonders krass wirkt beim N7 der in allen Programmen zuschaltbare Forward-Focus, der radikal alle Geräusche wegschneidet, die von hinten kommen. Im Straßenverkehr womöglich gefährlich, auf Tagungen, in Kneipen und Restaurants ausgeprochen angenehm.

Der Nachteil des CP1000 ist wie gesagt, dass sich keine Audioquellen per Kabel mehr anschließen lassen. Dafür kann ich es drahtlos mit dem iPhone koppeln. Wann immer ich einen Anruf erhalte oder einen Podcast starte, höre ich einen kurzen Signalton und bekomme den Klang des Telefons für außenstehende unhörbar in meinen Hörnerv gestreamt. Die Qualität ist dabei allerdings minimal schlechter als bei einer analogen Kabelverbindung. Gelegentlich kommt es zu klanglichen Artefakten. Da ist also noch Luft nach oben, aber unterm Strich ist es dermaßen komfortabel, dass einem das Hantieren mit dem Audiokabel innerhalb kürzester Zeit als unglaublich fummelig und unpraktisch erscheint.

Ich kann mich also ohne weitere Hilfsmittel nur mit Smartphones oder Tablets verbinden, nicht jedoch mit PCs und analogen Klangquellen. Hierzu verwende ich das Minimic von Cochlear. Dessen Klangqualität lässt allerdings zu wünschen übrig. Gelegentlich rauscht es oder es kommt zu Störungen, die ähnlich klingen wie eingehende SMS in schlecht abgeschirmten Boxen. Außerdem ist der Frequenzbereich nochmal stark eingeschränkt, wie sich zum Beispiel auf Youtube leicht rausfinden lässt. Aber für den Schreibtisch reicht es. Eigentlich ist das schlecht, weil ich gelegentlich halt wirklich ein Audiokabel in guter Qualität benötige. Ich habe deshalb ein wenig damit gehadert, ob das CP1000 nicht ein Fortschritt mit eingebautem Rückschritt ist.

Allerdings war ich in der Testphase auch im Funkhaus und habe dort ganz normale Kopfhörer benutzt. Die verwende ich eigentlich nicht so gerne, weil sie nicht bequem sitzen, wenn sie statt der Ohrmuschel das Cochlea-Implantat beschallen sollen, dessen Mikrofone oberhalb des Ohres sitzen. Allerdings erwies sich die Klangqualität als so gut, dass ich dem Audiokabel nicht nachtrauern sondern mir große, weiche, gut klingende Kopfhörer besorgen werde, sobald ich sie für eine Audioproduktion benötige.

Kopfhörer brauche ich auch aus einem anderen Grund. Spätestens mit dem drahtlosen Streaming vom Telefon aufs Cochlea-Implantat ist für meine Mitmenschen völlig unsichtbar, dass ich gerade Musik oder einen Podcast höre. Das führt immer wieder zu Verwirrung, wenn sie mich ansprechen – etwa um nach dem Weg zu fragen – und ich natürlich nichts verstehe, weil ich gerade was anderes höre. Ich spiele deshalb schon lange mit dem Gedanken, mir möglichst große, weithin sichtbare „Laber mich nicht an“-Kopfhörer zu beschaffen. Attrappen sozusagen.

Die frustrierend falsche Berichterstattung zu Implantaten, Prothetik und Wissenschaftsthemen

Alle paar Tage das gleiche Spiel: Irgend eine Forschungsgruppe macht eine mehr oder weniger bahnbrechende Entdeckung, schreibt ein Paper und veröffentlicht es in einer renommierten Fachzeitschrift. Ist die Meldung sensationell genug, springen Publikumsmedien auf und berichten darüber. Leider in sehr vielen Fällen ohne das Paper verstanden oder überhaupt gelesen zu haben.

Das passiert auch regelmäßig mit „Cyborg-Themen“, wie sehr schön folgende Meldung aus dem Bereich Hirnimplantate illustriert. Forscher:innen der New Yorker Columbia University ist es gelungen, mit einem Implantat zu messen, was im Hörzentrum des Gehirns passiert, wenn Menschen gesprochener Sprache zuhören. Mit Hilfe von Machine Learning schufen sie ein KI-System, dass aus diesen Hirn-Signalen die gehörten Wörter rekonstruiert und wieder hörbar macht.

Das ist eine enorme wissenschaftliche Leistung. Allerdings sollte genau hingesehen werden, was dieses System kann und was nicht. Es kann gehörte Sprache während des Zuhörens aus dem Hörzentrum rekonstruieren. Was wir im Stillen für uns denken, kann das System hingegen nicht entschlüsseln. Das sagen die Forscher:innen in ihrem Paper auch ausdrücklich selbst, und diskutieren ausführlich, ob und wie auch nicht gerade gehörte Sprache aus dem Gehirn rekonstruiert werden könnte. Das Wort „Gedanke“ (thought) kommt im gesamtem Paper kein einziges mal vor.

In Zukunft also. Vielleicht. Aber nicht hier und heute. Kein Gedankenlesen. Doch was schreiben deutsche und internationale Medien?

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Manchmal sind die Artikel schlicht falsch, manchmal haben die Autor:innen völlig korrekt abgeliefert aber Redakteur:innen offenbar den Inhalt des Textes ignoriert und eine Clickbait-Überschrift drübergetackert. Der Verantwortung der Medien wird ein solches Vorgehen jedenfalls nicht gerecht, insbesondere auch, weil der weitaus größte Teil der Leser:innen Überschriften und Schlagzeilen scannt, ohne tiefer hineinzulesen. Eine vernünftige gesellschaftliche Debatte um technischen Fortschritt und seine Folgen für die Gesellschaft wird so unmöglich.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei cyborgs.cc

Wie aktuelle Digitalisierungsdebatten den Neoreaktionären zuarbeiten

Jürgen „Tante“ Geuter hat in einem bemerkenswerten Blogpost „sechs Unwahrheiten über die digitale Sphäre“ aufgeschrieben, der Misskonzeptionen gerade rückt, denen ungefähr alle schon einmal aufgesessen sind, die sich an derlei Debatten beteiligen – mich eingeschlossen.

Kurz zusammengefasst sind das:

  1. Technische Entscheidungssysteme (manchmal auch Algorithmen oder künstliche Intelligenz genannt) würden ethisch entscheiden, wenn man ihnen die Ethik nur korrekt einprogrammiert.
  2. Daten würden automatisch Wahrheit erzeugen, und wenn nicht, würden mehr Daten gebraucht.
  3. In 20 Jahren hätten wir eine künstliche Intelligenz vergleichbar mit dem menschlichen Gehirn.
  4. Diskriminierung durch Maschinen ist schlimmer als durch Menschen.
  5. Verträge und Gesetze würden sich sich ohne weiteres in Programmcode umsetzen lassen.
  6. Volle individuelle Autonomie ist der Inbegriff von Freiheit.

Eines oder mehrere dieser Muster werden regelmäßig benutzt, etwa bei so genannter künstlicher Intelligenz (Punkte 1, 2 und 3), Blockchain-Anwendungen (Punkte 2, 5 und 6), in der Hacker- und Nerdkultur (Punkte 4 und 6) und Einsatz algorithmischer Systeme durch den Staat oder große Unternehmen und den Widerstand dagegen (Punkte 1, 2, 5, und 6).

Über jeden einzelnen dieser Punkte ließe sich streiten und ganze Bücher verfassen, aber ich bin überzeugt, dass Jürgen weitgehend recht hat, auch wenn ich nicht so weit gehen würde, von „Falsehood“ zu sprechen, das immer auch die Konnotation von Lüge in sich trägt. Ich glaube durchaus, dass viele dieser Ansichten Misskonzeptionen sind, die manche Leute mit besten Intentionen pflegen. Oft haben sie den Charakter von Lebenslügen.

Die Frage ist jedoch: Was bringt uns diese Erkenntnis – außer diese Argumente in Debatten künftig nicht mehr zu verwenden? Bemerkenswert ist, dass Jürgens sechs Punkte alle (nicht nur aber auch) einen gemeinsamen Fluchtpunkt haben: Die Ausübung von Macht mittels technologischer Systeme und die Verschleierung derselben.

Betrachten wir die Punkte im einzelnen. Sie transportieren in etwa folgende Botschaft: Macht euch keine Sorgen, wenn wir Entscheidungsgewalt an Maschinen abgeben, dann wird das ethisch korrekt passieren, weil wir Ethik einprogrammiert haben werden (Punkt 1) genauso wie Gesetze und Verträge und deren strikte Einhaltung (Punkt 5). Fehlentscheidungen sind nicht möglich, weil Daten nicht Lügen können, und wenn es doch zu Fehlentscheidungen kommt, hatten wir noch nicht genug Daten (Punkt 2). Entscheidungen werden in 20 Jahren nicht mehr von Menschen getroffen werden, sondern von intelligenten Maschinen. Sie werden die Macht haben und das ist eine unausweichliche Entwicklung. (Punkt 3). Du findest das alles dystopisch und willst dabei nicht mitmachen? Dann bist du selber schuld, dass du [hier „bösen Internet-Konzern deiner Wahl einsetzen] mit Daten fütterst statt eigene Server zu pflegen und deine eigene Software zu programmieren (Punkt 6).

In Punkt 4 steckt meiner Meinung nach der springende Punkt. Er beschreibt Angst davor, dass Maschinen Menschen diskriminieren könnten. Als ob ein rassistischer Richterspruch zu Bewährungsauflagen weniger ungerecht wäre, wenn er durch einen menschlichen Richter ausgesprochen wird als durch ein algorithmisches System oder das Opfer eines Verkehrsunfalls mit einem selbstlenkenden Fahrzeug irgendwie toter sei als bei einem Unfall mit einem menschlichen Fahrer. Punkt 4 verschleiert die bereits heute in unseren Systemen vorhandenen Biase und praktizierten Diskriminierungen.

Anders gesagt: Die bereits heute bestehenden Biase und Diskriminierungen können fortgeschrieben werden, allerdings ohne dass es dann noch jemanden gibt, der die Verantwortung dafür trägt, ohne jedes demokratische Korrektiv. Denn die Maschine kann nicht falsch liegen, da ja Ethik, Gesetze und Verträge tadellos in sie hinein programmiert wurden und wenn es doch einen Fehler gab, lag es daran, dass es nicht genug Daten gab. Das ist ungemein praktisch, weil am Ende niemand Verantwortung trägt, spätestens mit Punkt 3 und der religiösen Überhöhung „künstlicher Intelligenz“ ins Gottgleiche bei den Singularitanern.

Der Punkt ist nur: Es wird gar keine Macht an Maschinen übertragen sondern weiterhin von Menschen und ihren Organisationen ausgeübt. Sie betreiben all die algorithmischen Systeme. Sie haben die Systeme so programmiert und trainiert, dass sie Ergebnisse in ihrem Sinne liefern. Und sie werden sie ganz schnell abschalten, sollten sie Entscheidungen treffen, die nicht in ihrem Sinne sind.

Perspektivisch weisen diese Narrative der Digitalisierung, auch wenn sie vielfach von gänzlich unverdächtigen Leuten und mit gegenteiliger Intention vertreten werden,  nahtlos in Richtung der Neoreaktionären, einer Bewegung, die Herrschaft durch eine neue (Tech-)Elite proklamiert und eine Art Techno-Feudalismus anstrebt bis hin zur Übernahme der Staatsgewalt durch Tech-Unternehmen. Gepaart mit dem religiösen Überbau des Transhumanismus und einem Human Enhancement, das nicht Inklusion, Vielfalt und Selbstverwirklichung dient sondern in seiner gegenwärtigen Form fast immer darauf abzielt, wie sie sich der relativ wohlhabende, weiße Mittelstand für eine komfortable Teilhabe an dieser technofeudalistischen Welt optimieren könne, bilden diese sechs Punkte das Narrativ einer Herrschaftsideologie.

Es geht also letztlich nicht darum, ob Technik gut oder böse ist (sie ist sowieso da und allzu menschlich) und die Antwort steckt auch nicht darin, dass wir alle künftig als eine Art Cyber-Mad-Max unsere eigene Technik programmieren können müssen, sondern die Frage ist: Wie kriegen wir algorithmische Entscheidungssysteme demokratisiert?

Automatisches Exzerpieren

Das ist die wohl unsexieste Überschrift für einen Blogpost aller Zeiten. Wer ernsthaft Literatur durcharbeitet, ist eigentlich ständig damit beschäftigt, Exzerpte zu schreiben, also beim Lesen einen Stapel Papier daneben zu legen und Zitate/Notizen mit Seitenzahl draufzuschreiben. Das geht natürlich auch wunderbar am Computer mit Copy&Paste. Und natürlich gibt es zu diesem Zweck die großen Literaturverwaltungen wie Citavi, Mendeley & Co. Einige von ihnen arbeiten sogar cloudbasiert, wenn auch die meisten noch klassische Programme sind, meistens für Windows. Für Mac-User wird da die Luft schon dünn. Für solche, die auch noch ein iPhone und ein iPad benutzen und ihre Exzerpte automatisch synchron halten wollen, wird die Luft noch dünner. Soweit ich sehen konnte, bieten die bekannten Literaturverwaltungen aber alle eines nicht: Eine ergonomische Reader-App mit automatischem Exzerpieren.

Ich lese ein PDF oder ein ePub in einer Reader-App auf dem Tablet, Telefon oder am PC. Interessante Stellen markiere ich und versehe sie direkt in der Reader-App mit einem Kommentar. Im Hintergrund legt die Reader-App automatisch für jedes gelesene Buch ein Dokument an, in dem alle markierten Zitate und Notizen nebst bibliografischen Angaben des betreffenden Buches völlig automatisch gesammelt werden, ohne dass ich mich noch um etwas kümmern muss. Wer schonmal nachts im Bett beim Lesen auf dem Telefon oder offline im Flugzeug oder ICE beim Lesen auf dem Tablet über wichtige Textstellen gestolpert ist, weiß was ich meine.

Es scheint genau einen Dienst zu geben, der das beherrscht: Google Play Books. (Hier steht, wie’s geht.) Der Google-Dienst hat eine Reihe von Vorteilen. Ich kann eigene ePubs hochladen und bin nicht auf das Google-eigene Angebot beschränkt. Die Arbeit ist fast vollkommen plattformunabhängig. Ich kann nahtlos zwischen Tablets, Telefonen und Computern wechseln. Es gibt Reader-Apps für Android und iOS und unter Windows/Linux/macOS kann ich im Browser arbeiten. Ich lande überall an der zuletzt gelesenen Stelle. Alle Exzerpte landen als Doc im Google Drive. Nur für PDFs ist Google Play Books noch kaum brauchbar, weil vielen PDFs die Meta-Angaben mit den bibliografischen Daten fehlen – von gescannten PDFs, wie sie typischerweise in Semesterapparaten vorliegen, ganz zu schweigen. Deshalb benutze ich Google Play Books nur für Bücher, die mir im Volltext als ePub vorliegen.

Was ich mich jetzt frage ist: Warum gibt es das in dieser Form nur von Google? In Apple Books kann ich auch cloudbasiert synchronisiert lesen, markieren und kommentieren, aber nicht automatisch exzerpieren. Jedenfalls konnte ich die Funktion nicht finden. Amazon Kindle scheint das zu können. Als ich das letzte mal geguckt habe, landeten allerdings alle Textstellen in einer Datei namens clipping.txt, die aufwändig weiter bearbeitet werden muss. Und wenn ich die Wahl zwischen Amazon und Google habe, kann ich auch gleich bei Google bleiben.

Mittlerweile gibt es dafür sogar einen offiziellen Standard namens Annotation, der hochgradig unterstützenswert aber noch noch nirgends für Endnutzer brauchbar implementiert zu sein scheint. Für Nextcloud gibt es einen Workflow für Notizen in GoodNotes. Das ist sehr interessant eben noch kein (automatisches) Exzerpieren wie oben beschrieben. Und die großen Literaturverwaltungen: Citavi kann Cloud hat aber keine Anbindung zu einem Reader und ist auf Windows beschränkt. Es ist stark beim Bilbiografieren, aber das Exzerpieren muss anderweitig stattfinden. Mendeley kann das hingegen und Cloud und und zig Plattformen, scheint aber offline nur sehr eingeschränkt nutzbar zu sein und nur mit Papers im PDF-Format aber nicht mit Bücher im ePub-Format umgehen zu können. Bei allen anderen sieht’s ähnlich aus, jedenfalls soweit ich sehen konnte.

Im Moment werde ich für Bücher weiterhin Google in Kombination mit Calibre zum Konvertieren benutzen. Beim Umgang mit Papers und beim Bibliografieren habe ich noch immer händisches Chaos. Hatte früher mal Citavi, die mich aber als Nicht-Windows-Nutzer offenbar nicht wollen. Ich tendiere dazu, als nächstes mit Mendeley zu experimentieren und werde schauen, wie gut/schlecht sich das mit Google kombinieren lässt. Dass Google das mit Play Books als einziger Anbieter elegant und ohne lange Einarbeitung nutzbar hinbekommt, will mir aber nicht recht in den Kopf. Gibt es da wirklich nichts anderes? Was habe ich übersehen?