Postprivacy my ass – von der Utopie des perfekten Filters

Postprivacy beschreibt das Ende der Privatsphäre im Zeitalter der totalen Vernetzung. Die Kontrollverlust-Debatte dreht sich darum, was Privatsphäre, Privatheit und Öffentlichkeit eigentlich bedeuten und wie sie in eine digitale Welt hinüber zu retten sind, was man auch den konservativen Ansatz des Datenschutzes nennen könnte – oder aber ob Datenschutz vielleicht völlig obsolet ist in einer Welt umfassender Datensammlungen, auf die ubiquitär und in Echtzeit zugegriffen werden kann – der progressive Ansatz, der nach Michael Seemann in eine neue Ethik gipfelt, welche das Zurückhalten von Daten als unmoralisch begreift und von ihm selbst „radikal“ genannt wird. Nicht mehr der Sender soll entscheiden, was er von sich preisgibt, sondern der Empfänger die absolute Souveränität darüber erlangen, wie er filtert. Die Verweigerung von Information sei deshalb ethisch verwerflich, da das Recht des Empfängers, auf eigene Weise zu filtern, eingeschränkt würde. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum der Empfänger ein solches Recht überhaupt haben sollte. Die Informations- und Meinungsfreiheit gibt ein solches Recht nicht her, wie ich noch darlegen werde.

Radikales Öffentlichmachen von bisher Privatem – im Grunde also das Konzept des Outings – zwingt die Öffentlichkeit geradezu, sich mit unangenehmen Dingen auseinander zu setzen und diese auf irgend eine Weise zu akzeptieren und in ihre Kultur einzubauen – oder aber zu bekämpfen. Das Coming-Out in der Schwulenbewegung wird immer wieder als Paradebeispiel dafür angeführt, dass es nicht darauf ankomme, Information zu unterdrücken und Privatsphäre irrelevant sei, sondern nur darauf, wie die Information gefiltert und verwertet wird, um die Gesellschaft zu verändern.

Das ist eine ziemlich Steile These: Ja, wir haben 30 Jahre nach dem Christopher Street Day ein Klima, in dem Homosexuelle zumindest in westlichen Ländern ihre Orientierung einigermaßen frei von Diskriminierung ausleben können. Wir haben aber auch Fälle von Übergriffen wie derzeit in Osteuropa, wir haben die Todesstrafe auf homosexuelle Handlungen unter Männern in islamischen Ländern, wir haben Selbstmorde von Jugendlichen, weil herauskam, dass sie schwul sind. Homosexualität ist nur ein Beispiel. In den westlichen Ländern gibt es noch immer genügend Tabus, deren Outing uns in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz massiven Ärger machen können und längst nicht immer handelt es sich um Dinge, für die man etwas „böses“ tun muss oder juristisch belangt werden kann.

Das gilt erst recht, wenn man den globalen Maßstab hinzunimmt. Eine Seltsamkeit der Kontrollverlustdebatte ist, dass nie darüber geredet wird, wie sich ein Tool wie Gaydar bei schwulen iranischen Facebook-Nutzern auswirken würde. Das Internet ist global und kann auch nicht mehr national heruntergebrochen werden, worauf wir in anderem Zusammenhängen wie „Zensursula“ oder der Urheberrechtgsdebatte nicht müde werden hinzuweisen. Für die Kontrollverlustdebatte werden aber noch nicht einmal die Maßstäbe der liberalen westlichen Demokratien zu Grunde gelegt sondern das am Anarchismus schrammende Lebensgefühl der digitalen Boheme in Berlin Mitte.

Die platte Antwort auf Outing-Risiken aller Art: Das sei eben ein Problem der Gesellschaft, und überhaupt sei das Seemannsche Gedankengebäude rund um die Konsequenzen des Kontrollverlustet ja auch eine Utopie. Utopie ist so ein Wort, bei dem wir ganz genau hinhorchen sollten. Utopien wurden noch nie in der Menschheitsgeschichte verwirklicht und schon gar nicht so, wie sich ihre Vordenker das vorgestellt haben. Wer „Utopie“ sagt, glaubt entweder selber nicht so recht, was er da propagiert, oder ist einer Ideologie verfallen.

Wenn man Thomas Morus liest, stellt sich immer mehr das Gefühl ein, eine Beschreibung der DDR zu lesen – von der Vereinheitlichung der Wohnverhältnisse (Plattenbau!) bis zur künstlich geschaffenen Insel in Abtrennung zu den Nachbarstaaten (Mauer). Ihm war die Welt zu chaotisch und er wollte mehr Gerechtigkeit aber auch mehr Ordnung schaffen – teils nach höchst subjektiven Kriterien.

Utopien sind mit dem Ende der mittelalterlichen Scholastik aufgetreten. Utopisch denkende Menschen glauben nicht mehr an jenseitige Verheißungen, sondern kritisieren das Diesseits und machen Verbesserungsvorschläge. Utopien und Visionen sind für einen Diskurs unbedingt nötig. So finde ich die Vision vom bedingungslosen Grundeinkommen dermaßen bestechend, dass ich sie propagiere und unterstütze, auch wenn ich mich wegen der ökonomischen Verwerfungen, die sie auslösen könnte, nicht trauen würde, sie von heute auf morgen einzuführen, wenn ich König von Deutschland wäre.

Es ist kein Zufall, dass Utopien in Europa mit der Aufklärung aufkamen, als das Christentum die Hoheit über das Denken verlor. Grundlage jedweder Utopie ist das Aufstellen von Regeln, an die sich dann alle zu halten halten haben, auf dass wir alle glücklich werden.  Damit ist sie prinzipiell totalitär – eine Verweigerung wird als Verfehlung angesehen. Der Verfechter einer Utopie darf sich ohne schlechtes Gewissen als etwas besseres fühlen als der Gegner, schließlich steht er wahlweise auf der Seite des Fortschrittes oder der reinen Lehre.

Der Totalitarismus-Vorwurf wird freilich im Lager der Google-Fanboys und Anbeter des Kontrollverlustes als Beleidigung aufgefasst. Schlecht gefiltert, kann ich da nur sagen, schließlich unterscheidet sich totalitäre Herrschaft von autoritärer dadurch, dass ein neuer Mensch zu formen ist, um eine Ideologie durchzusetzen. Und hier geht es um Herrschaft, legt doch Michael Seemann selbst nahe, dass sich sein Netz-Übermensch durchaus vom Nietzsche-Übermenschen und dessen Herrenmoral herleitet – die aber die Sklavenmoral als Kontext und gesellschaftlichen Resonanzboden benötigt.

Tatsächlich ist das Filtern von Information über eine Person, ohne dass diese Person an der Filterung mitbestimmen oder die Herausgabe der Information gar verweigern kann, ein Akt der Herrschaft, die voraussetzt, dass Information unter Zwang preiszugeben ist. (Bei freiwilliger Preisgabe wäre es auch sinnlos von „Kontrollverlust“ zu sprechen – dafür müssten wir ein neues Wort einführen, zum Beispiel „Selbstkontrollverlust“ oder einfach „Dummheit“.)

Es ist sogar gerade so, dass die Meinungs- und Informationsfreiheit Datenschutz geradezu voraussetzt. Daten können sehr wohl absichtlich falsch interpretiert und in infame Zusammenhänge gestellt werden, die dafür sorgt, dass die eigentliche Meinung eines Menschen völlig verzerrt wird. Der Filternde, der ja aufgrund seiner gefilterten Daten ein persönliches Urteil fällt, maßt sich an, besser über eine Person urteilen zu können, als diese Person selbst. Wenn jemand nicht frei darin ist, selber zu entscheiden, welche Informationen er preisgeben möchte und welche nicht, ist ihm damit indirekt die Meinungsfreiheit entzogen: Der Empfänger darf noch meinen, der Sender aber nicht mehr seine Meinung auf eine Weise kundtun, wie er gerne verstanden werden möchte.

Der Filternde legt sich seine Realität so fest, wie er sie gerne hätte. Irgendewann könnte es dann ein Korrelat von Eigenschaften geben, welches irgendwelche Zukunftsnazis als hassenswert empfinden könnten und auf dessen Basis sie ein paar (Tausend? Millionen?) Menschen umbringen, ohne dass diese Menschen eigentlich wissen, welches abstrakte Eigenschaftenbündel das nun eigentlich begründen soll. Sowas passiert nicht? Auch nicht mit Blick auf die letzten 100, 2000 oder 10000 Jahre Menschheitsgeschichte? Wirklich nicht?


10 Antworten zu „Postprivacy my ass – von der Utopie des perfekten Filters“