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Der Kontrollverlust über die Filtersouveränität

Als ich diesen Tweet von @huxi las, kam mir heute in den Sinn, dass ein Retweet auf Twitter meine Filtersouveränität unterläuft. Michael Seemann ist ja der Meinung, dass es nicht schlimm sei, wenn ich etwas zu lesen bekomme, das ich lieber ausgefiltert hätte, weil ich ja denjenigen, der mir das gesendet hat, auch entfolgen könne. Irgendwas stört mich an der Argumentation.

Von der Query her gedacht stimmt es natürlich, dass ich meine Filtersouveränität ausübe – aber: Ich schreibe die Query nicht, sondern ich bewege mich in sozialen Netzwerken, wo ich über das Friend- oder Follower-Prinzip filtere. Ich konsumiere Medien, indem ich filtere, welche Zeitung und welchen Fernsehsender ich mir wann ansehe. Ich kann zwar die Äußerungen bestimmter Medien oder Personen ausblenden, muss aber immer damit leben, dass über die Kanäle, die ich nicht ausgefiltert habe, doch unerwünschte Information zu mir dringt.

Mit jedem Stück Information, das ich nicht vollständig selber beschaffe (recherchiere, per Query höchstpersönlich in einer Datenbank abfrage), sondern mir über Medien (klassische Medien, Social Media oder einfach nur das Gespräch beim Bier), gebe ich ein Stück meiner Filtersouveränität an meine Umwelt ab. Und da mein ganzes Kommunikationsverhalten in den aller seltensten Fällen das naturwissenschaftliche Nachmessen von Gegebenenheieten sondern der Informationsaustausch mit meinen Mitmenschen ist, entpuppt sich die Filtersouveränität als Illusion. Nichteinmal über das Ergebnis der Query einer Google-Suche bestimme ich frei – sondern Google durch seine wertenden und gewichtenden Algorithmen. Oder hat jemand schon mal SQL-Statements an die Suchmaschine abgesetzt?

PostPrivacy hat nicht nur, aber zu großen Teilen etwas mit dem Social Web zu tun. PostPrivacy ist nicht nur das Google-Cookie sondern eben auch Facebook, Twitter und die Nachlesbarkeit unseres Tuns. Der Kontrollverlust findet nicht unbedingt gegenüber Firmen oder Staaten statt – dort könnte man per Datenschutzgesetz die Kontrolle zumindest teilweise zurückerlangen oder bewahren, indem man z.B. die Vorratsdatenspeicherung untersagt. Dort, wo der Staat mehr Daten sammelt als er gesunderweise sollte, wird es politisch – und diese Kontrolle ist auch politisch zurück zu erlangen wie bei jeder anderen Form der Machtausübung auch.

Der eigentliche Kontrollverlust findet zwischen den Menschen untereinander statt. (Im Grunde gab es ihn schon immer – geschiedene Eheleute können sich eben nicht darauf verlassen, ob der oder die Ex dem Finanzamt gegenüber weiterhin diskret bleibt.) Dass in totaler PostPrivacy jeder im Grunde alles über jeden nachlesen könnte, macht ja erst eine neue Ethik nötig, die die Filtersouveränität erzwingt. Es besteht aber keine Kontrolle mehr über die eigenen Daten sondern auch keine Kontrolle über die Filter, solange es sich um soziale oder mediale Filter handelt. Der Kontrollverlust ist also total, wenn wir anfangen, nach der Ethik des „radikalen Rechts des Anderen“ uns sämtlich voreinander zu entblößen.

Andererseits ist der Begriff der Filtersouveränität auch auch ein Oxymoron. Um zu bestimmen, was ich herausfiltern will, muss ich nämlich Kenntnis von dem erlangt haben, was ich hinausfiltern will, also schon einmal ungefiltert empfangen haben. Um Realitätsverlust zu vermeiden, bin ich gezwungen, meine Filter immer neu zu justieren, was bedeutet, auch immer neu ungefilterte Information aufzunehmen. Mein Filter ist nie perfekt und benötigt zur Annäherung an Perfektion ungefilterte Information. Die Begriffe „Filtern“ und „Souveränität“ ergeben nur Sinn, wenn ich anderen die Daten vorfiltern, also Zensur ausüben will. Filtersouveränität im Seemanschen Sinne ist also paradox. Logische Filtersouveräntit wäre das Recht meine Privatsphäre frei zu definieren und zu entscheiden, welche Informationen aus ihr herausdringen können.

Das bedeutet dann auch, dass Zensur nichts anderes ist als ein weiterer Filter, der den Informationsfluss hemmt. Wer diesen Filter setzt, ist nebensächlich, da das Ausüben der Seemannschen Filtersouveränität auch nichts anderes als Selbstzensur ist. Zensur stört keine wie auch immer geartete Filtersouveränität sondern den Informationsübertragung als solche. Und die besteht jenseits jedes Filters aus Sender und Empfänger. Wenn der Sender nicht senden will, hat der Empfänger Pech gehabt. Wenn es ethisch verwerflich sein soll, nicht senden zu wollen, dann müsste die Emfpangsverweigerung, also das Filtern ebenfalls ethisch verwerflich sein.

Allein die Tatsache, dass es so etwas wie ein Einschreiben bei der Papierpost gibt, die sicherstellt, dass beispielsweise eine Vorladung vor Gericht auch wirklich ankommt, ist ein Beispiel dafür, wie sinnlos und illusionär der Wunsch nach Filtersouveränität ist. Eher müssen wir uns fragen, in welchen Fällen der Sender das Senden und der Empfänger das Empfangen verweigern dürfen soll. Das ist die Frage nach der Datengerechtigkeit.

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