Kategorie: Blog

Blogposts

  • Mein Vortrag auf der Open Mind 13: „Cyborg Politics“

    Ich habe auf der Open Mind in Kassel einen Vortrag zum Thema „Cyborg Politics“ gehalten. Die Einführung „The Step into Cyborgism“ habe ich stark abgekürzt und bin vor allem auf die gesellschaftlichen und politischen Fragen eingegangen, die der Cyborgism aufwirft. Es sind Fragen, die sich angesichts von Cochlea-Implantat und Google Glass schon heute stellen.

    Alles in allem war die Open Mind eine der besten Konferenzen, an denen ich die letzte Zeit teilgenommen habe. Am besten gefallen haben mir die beiden Vorträge „Deutschland – Ein ?[Bb]ildungsland“ von Juliana Goschler (die der Frage nachgeht, warum eigentlich Bildungspolitik in Deutschland so verkorkst ist) und „Wir haben nur eine Erde“ von Drahflow, der sich angesichts unserer ökologischen Probleme für die Wiederaufnahme der bemannten Raumfahrt und die Schaffung von Kolonien im Weltraum ausspricht. Das ist natürlich eine unvollständige Empfehlung: Ich hatte noch keine Zeit, mir die verpassten Vorträge auf Youtube anzusehen.

    Update: Zwei weitere Vorträge: Anatol Stefanowitsch erklärt in „Macht, Meme und Metaphern“, wie Sprache das Denken beeinflusst. Die Faserpiratin stellte Äußerungen von Frauenfeinden, Antifeministen und Maskulisten unter dem Titel „Ihr gehoert nur mal ordentlich durchgevoegelt“ vor. Dieser Vortrag wurde bis auf weiteres von genannten Frauenfeinden, Antifeministen und Maskulisten aus dem offiziellen Piratenstreaming entfernt.

  • Links der Woche

    • Wo wir gerade bei Hellersdorf sind …:

      „Die verächtlichen Blicke, die kränkenden Bemerkungen, die Ignoranz, das Herrenmenschenverhalten, das da zutage kam, waren kaum auszuhalten. Da habe ich gehasst.“

    • Kabarettist Georg Schramm über Politik: „Mein Zorn ist echt“:

      „Ich kann mich nicht endlos auskotzen. So viel Ärger verträgt meine Dramaturgie nicht. Schauen Sie sich das alles an: Merkel, Steinbrück, der Umgang mit der Finanzkrise – und was die Privatarmee Frontex an den Grenzen Europas macht. Das ist zu viel für einen unterhaltsamen Abend.“

  • Links der Woche

    • Leben in London: Normal, eine Behinderung zu haben:

      „Einem blinden Menschen die Mitfahrt im Taxi zu verweigern, weil er einen Blindenführhund hat, kostet hier um die 2.000 Euro Schadenersatz und Gerichtskosten und zudem die Lizenz, wenn der Fahrer Pech hat.“

    • Lustig ist das Rassistenleben, faria, faria, ho:

      „Gab es das Rezept vorher nicht? Ich fand den Wikipedia-Eintrag so plausibel, dass ich das nicht glauben mochte. Also suchte ich im 19. Jahrhundert nach [schnitzel paprika OR paprica] und siehe da, das Rezept existiert tatsächlich. Aber wie nannte man es, wenn es nicht Zigeuner-Schnitzel hieß? Sie werden es nicht glauben: Diese politisch korrekten Gutmenschen des 19. Jahrhundert nannten das Gericht doch tatsächlich… Paprika-Schnitzel.“

    • Brown in America:

      „In 2001, the twin towers came crashing down and I became brown. The type of brown that people stop on the street and ask Are you from Afghanistan? I get stopped all the time. I thought that most people did. (…) When we bombed Iraq, the question changed: Where are you from, Iraq? Finally, when George W. was fomenting about Iran’s nuclear program, they hit a vein of my lineage. Are you from Iran?“

    • Das sind die Gene, weißt du?:

      „Ich wusste es!“, sagte der Halbpenner. „Nur ein Ostdeutscher könnte mit so einer süßen braunen Mami ein so weißes Kind machen. Das sind die Gene, weißt du?“

  • Alltagsrassismus: Homeschooling aus Notwehr?

    tl;dr: Ein Brief einer schwarzen Mutter in Berlin, die den Alltagsrassismus an der Schule ihrer Kinder nicht mehr erträgt.

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    Ich war lange Zeit gegen Homesschooling. Ich war der Auffassung, dass es ganz überwiegend die falschen Kinder trifft, zum Beispiel die Kinder religiös verblendenter Menschen. Genauso wie wir Familien brauchen, um Kinder vor dem Staat zu schützen, brauchen wir den Staat, um Kinder manchmal vor ihrer Familie schützen zu können. Das deutsche Schulsystem sortiert Kinder sowieso schon – wäre Homeschooling da nicht gerade zu pervers? Ist es nicht erstrebenswert, dass Kinder aus ganz verschiedenen Schichten und Elternhäusern gemeinsam lernen, schon um ein wenig über den eigenen Tellerrand zu blicken? Sollten nicht alle Kinder die gleichen Inhalte lernen, welche halbwegs demokratisch staatlicherseits verordnet sind? Würde ich sofort unterschreiben, wenn diese Inhalte nicht ausgerechnet rassistischer Natur sind. Zwar erzählen Freunde, dass es heute in der Lehrerbildung wesentlich besser geworden sei, aber wir wissen ja, wie überaltert unsere Lehrerschaft ist. Tolerieren wir, dass an unseren Schulen geradezu Rassismus gelehrt wird, haben wir dann ein Recht, den Menschen Homeschooling zu verweigern? Davon halte ich immer noch wenig. Die ideale Lösung wäre mehr Pluralität an den Schulen, besonders auch was die Lehrkräfte betrifft.

    Wie ich drauf komme? Durch einen Brief, den ich via Facebook erhalten habe (hier z.B. im Original). Vielleicht zu pathetisch, aber er macht mich sehr nachdenklich. Weil ich nach meinen eigenen Erfahrungen mit einigen Lehrern sofort bereit bin, jedes Wort zu glauben.

    Liebe Älteste,

    ihr wisst vielleicht schon, dass ich gesetzlich verpflichtet bin, meine Söhne zur Schule zu schicken, weil wir in Deutschland leben und Homeschooling hier verboten ist. Alle Kinder werden hier nach einem Kurrikulum unterrichtet, das ausschließlich mit weißen Kindern im Hinterkopf gestaltet wurde. Ein flüchtiger Blick durch Schulbücher wird stereotype Bilder von Afrikanern zu Tage fördern, viele Bücher lehren, dass „Menschenrassen“ existieren. Die seltenen deutschen Texte, die schwarze Menschen portraitieren, nutzen degradierendes Bildmaterial und Vokabular, um sie zu beschreiben – als ob die schiere Abwesenheit von Bildern mit gesunden, glücklichen schwarzen Kindern nicht schon Beleidigung genug wäre.

    Einer meiner Söhne musste in einer Stunde über Evolution erdulden, dass seine Klassenkameraden ihn hänseln: Die prähistorische Frau „sieht genauso aus wie deine Mutter“. Ein anderes meiner Kinder erzählte mir, dass eine Lehrerin das Wort „Negerkuss“ über Tage hinweg benutzt hat. Als ich ihr eine E-Mail deswegen schrieb, nahm sie meinem Sohn das Mobiltelefon weg mit der Begründung, er würde während des Schultages anrufen, um mich zu informieren. Ein Freund meiner Kinder wurde von einem Referendar „Nigger“ genannt. Der Mann leugnete das zunächst, entschuldigte sich aber schließlich, als viele Kinder das bezeugten, für das „Missverständnis“.

    Jeden Tag schicke ich meine Kinder mit dem Wissen zur Schule, dass sie auf sich selbst gestellt sind, wenn ein weißer Lehrer rassistische Wörter benutzt. Wenn meine Kinder sich beschweren, werden sie „sensibel“ oder „stur“ genannt. Der Lehrer wird sich immer auf die beeindruckend große Zahl seiner schwarzen Freunde berufen, die beweise, dass er kein Rassist sein könne. Kollegen werden dem Lehrer immer ihre volle Unterstützung geben. Die weißen Mitschüler sehen und zu und lernen die wichtigste Lektion: Wie man die Anliegen schwarzer Kinder ignoriert und kleinredet.

    Ich habe es versucht. Wie damals, als einer der Mitschüler meiner Sohne ein Radiergummi auf der Haut meines Sohnes benutzte, um sie wegzuradieren, während im ein anderer Mitschüler gleichzeitig sagte, „Schwarz ist die Farbe des Teufels.“. Da besuchte ich die Schule gemeinsam mit einer weißen Mutter und sprach ruhig über über Stereotypen und Kindergeschichten mit positiven schwarzen Charakteren. Ich arbeite mit den Beauftragten, um die schwarze deutsche Ausstellung „Homestory Deutschland“ nach Berlin zu bringen. Sie stand fünf Wochen lang auf dem Schulgeländer. Ich habe Briefe geschrieben, an Konferenzen teilgenommen, meinen Protest per Mail an gleichgesinnte geschickt und sie aufgefordert, ebenfalls der Schule zu schreiben; und ich war still. Bisher hat nichts davon geholfen. Ich bin beschämt und wütend, dass ich nicht in der Lage bin, meine Kinder davor zu schützen, beleidigt und schikaniert zu werden, sogar an einer Schule, die nach einem der berühmtesten Afrikaner benannt ist und sich selbst mit Stolz „Schule ohne Rassismus“ nennt. Ich kann aber nicht aufgeben. Es gibt weitere schwarze Kinder an dieser Schule genauso wie an vielen anderen Schulen quer durch Deutschland. Sie mögen sogar noch isolierter sein als meine Kinder. In ganz Deutschland finden Kinder ihren Weg, um mit dem – oft subtilen, oft aber auch offensichtlichen aber immer grausamen – Rassismus und Autoritätsgebaren umzugehen, das sie erfahren.

    Unsere Kinder sind stärker als wir glauben. Sie überleben ihre eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung. Sie überleben, als Angreifer abgestempelt zu werden, wenn sie aufbegehren. Sie überleben die Erfahrung, ihren Eltern zuzusehen, wie sie leiden und darin versagen, sie zu schützen. Und trotzdem wird von ihnen jeden morgen um 8 Uhr erwartet, dass sie in der Schule erscheinen und funktionieren. Das ist es, was unsere Gesellschaft von ihnen erwartet. „Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“ ist kein leeres Motto. Ich schreibe Ihnen allen, um Sie zu bitten: Bitte lassen sie die Erziehung unserer Kinder nicht allein in den Händen des deutschen Schulsystems. Bitte helfen Sie Familien mit schwarzen Kindern ihnen etwas über unsere afrikanische Diaspora beizubringen: unsere Geschichte, unsere Völker, unsere Wirtschaft, unsere Errungenschaften, unsere Kämpfe. Lasst sie uns mit unserem eigenen Lehrmaterialien unterrichten, die schwarze Menschen enthalten – historische Figuren und zeitgenössische Persönlichkeiten genauso wie fiktionale Charaktere. Bitte helfen Sie unseren Kindern, stolz auf sich selbst zu sein. Bitte lasst sie wissen, dass sie unsere Unterstützung haben.

    Wo immer negative Bilder schwarzer Menschen gezeigt werden, haben wir die Verpflichtung, unsere Stimme zu erheben. Wir dürfen den Mainstream nicht in der Hand des Mainstreams lassen: Während wir Erwachsenen wählen können, unsere Zeit an sicheren und fördernden Orten zu verbringen, wenn wir das möchten, sind unsere Kinder gezwungen, sich in weißen Institutionen aufzuhalten. Als Aktivist habe ich gelernt, dass Aktivismus nicht nur heißt, gegen etwas zu kämpfen, sondern mit denen, die bereits für sich selbst kämpfen.

    Liebe Älteste, lasst uns den Widerstand unserer Kinder unterstützen.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Sharon Dodua Otoo

  • Leistungsschutzrecht: Thank you, taz!

    tl;dr: Artikel der taz darf man weiterhin mit Zitat verlinken. Es gibt eine Whitelist, wer das noch alles erlaubt – und natürlich eine Blacklist.

    taz

    Mit dem Zitierverbot namens „Leistungsschutzrecht“ ist es mir eigentlich nicht mehr möglich, dass ich meine „Links der Woche“ poste. Die bestehen schließlich immer aus Zitat und Link, sind also auf böseste Weise von mir raubmordkopiert. Ich mache trotzdem weiter, weil ich bei Bloggern davon ausgehen darf, dass eine solche Verlinkung erwünscht ist. Seit das Leistungsschutzrecht in Kraft ist, verarbeite ich grundsätzlich keine „Verlagserzeugnisse“ mehr. Süddeutsche oder Stern, FAZ oder Frankenpost, nichts davon findet mehr Eingang. Aber manchmal ist das wirklich schade, also schrieb ich der taz folgende Mail:

    Liebe taz-Redaktion,

    in meinem Blog habe poste ich sonntäglich automatisiert Links, die ich besonders bemerkenswert finde – immer mit einem kleinen Zitat aus dem Text. Das sieht dann z.B. so aus: http://www.ennomane.de/2013/08/04/links-der-woche-176/

    Seitdem das Leistungsschutzrecht beschlossen ist, achte ich darauf, auf diese Weise nur noch private Blogs zu verlinken und keine Verlagserzeugnisse, auch wenn es manchmal schmerzt. Besonders geschmerzt hat es bei dem Artikel „Das sind die Gene, weißt du?“ von Jacinta Nandi: http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2013/08/06/a0121&cHash=adc45c091aa7cfa13bc3a5e7e17a8933 Ich würde ihn sehr gerne in die „Links der Woche“ aufnehmen.

    Frage: Wie steht die taz zum Leistungsschutzrecht? Gestattet ihr es, Artikel in dieser Form zu verlinken und zu zitieren? Falls ja, steht das irgendwo bzw. könnt ihr das auf der Webseite oder per Artikel in irgend einer Form (am besten verlinkbar) klarstellen?

    Mit freundlichen Flattr-Klicks,

    Enno Park

    Am nächsten Werktag erhielt ich die Antwort:

    Lieber Enno,

    die Verlinkung auf unsere Website unter Nutzung eines kleinen Textschnipsels – also wie von dir umgesetzt – ist nach wie vor kostenfrei möglich.

    Beste Grüße …

    Das freut mich natürlich sehr. Die taz hat verstanden, dass wir  Blogger ihr nichts wegnehmen, sondern unbezahlt und nur aus Interesse am Inhalt helfen, die Aufmerksamkeit für gute Artikel zu erhöhen.

    Ich weiß zwar, dass die taz das Leistungsschutzrecht nicht unterstützt hat, aber zwischen der Meinung der Redaktion und dem tatsächlichen Verhalten des Verlages können Welten liegen. Bleibt die Frage: Welche Verlage erlauben noch weiterhin eine solche Nutzung? Ich hätte mir die Anfrage bei der taz sparen können: Es existiert tatsächlich eine solche Whitelist – sie ist klein aber fein. Dienste wie Rivva könnten sie u.U. eine große Hilfe sein – es macht schließlich einen großen Unterschied, ob man dort mit oder ohne Snippet aufgeführt wird. Vermutlich ist das für Rivva zuviel Aufwand, aber es gibt ja noch die Idee, das per Meta-Tag im HTML-Code zu automatisieren.

    Allerdings existiert im Netz eine andere Liste. Auf der Blacklist stehen all die Zeitungserzeugnisse voller „Qualitätsjournalismus“, die grundsätzlich nicht im Netz verlinkt werden wollen. Ich finde, wir sollten diesen Wunsch respektieren. Ein wenig fasziniert mich, dass mir fast nichts fehlt, wenn ich diese Angebote ignoriere – von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, ist das alles ziemlich verzichtbar.

    P.S.: Dieses Blog steht übrigens unter Creative-Commons-Lizenz und kann beliebig zitiert werden, solange ihr ein paar Spielregeln einhaltet.

  • Links der Woche

    • Valin über Rechtschreibnazis:

      „Allein schon die Sache mit dem Deppenapostroph. Jeder macht Witze über Deppenapostrophe. Ich habe in meinem dafür leider viel zu langen Netzleben vielleicht drei Leute getroffen, die Witze über Deppenapostrophe ablehnen. Diese ganzen Friseurnamenschilderfotografien! Es gibt nichts einfacheres als Friseurnamenschilderfotografien, um sich in gemeinsamer Überlegenheit und eitler Selbstgefälligkeit über das analphabetisierte, verblödete Subproletariat lustig zu machen.“

    • Benjamin Blümchen schützt den Castor:

      „Warum Geschichten, in denen geld- und machtgierige Menschen durch das gemeinsame Agieren der Bevölkerung auf friedliche Weise dazu gezwungen werden, im Interesse des Gemeinwohls zu handeln, nicht dazu geeignet sein sollen, politisch mündige Bürger/innen hervorzubringen, wird nicht erklärt.“

    • Generation Frau:

      „Was niemand braucht, ist der Stress eines Frauenbildes, das suggeriert, man müsse ständig Leistung bringen: Damit der schicke Beruf, das megaoptimierte Familienleben und der Kampf um Goldmedaillen zu vorzeigbaren Ergebnissen werden. Die neue „Generation Frau“ ist meine Pommesbuden-Besitzerin. Die ist 52, nicht schön genug für ein Citylight, mit einem fetten Tribaltattoo auf ihrem Arm.“

    • 7 Reasons You Aren’t As Smart As You Think You Are:

      „Owning and operating a brain is hard.“

    • Google Glass: Not for the Hearing Impaired:

      „I was told that Glass was not hearing-aid compatible. There were no assurances that EMI wouldn’t be a problem.“

    • Gefahr im Schlafzimmer:

      „Nein, dass seine eigene Frau einmal mit einem Knüppel nach ihm schlagen würde, weil er sich ein Cochlea Implantat hatte einsetzen lassen — das hätte sich Stefan wirklich nicht träumen lassen.“

  • Keine Volksverhetzung

    tl;dr: Haters gonna hate.

    kondom

    Man stelle sich vor, jemand schriebe einen antiklerikalen Artikel. Darin könnte es heißen, die katholische Kirche habe durch ihre Verhütungspolitik Millionen AIDS-Tote zu verantworten, die sie ihrer widernatürlichen Religionsbefriedigung geopfert habe. Es könnte auch drinstehen, dass Christen an einer menschenrechtswidrigen Glaubensverirrung litten und dass die so genannte christliche Nächstenliebe ein egozentrischer Missbrauch von Mitmenschen sei. Argumentativ könnte so etwas darin gipfeln, dass es sich bei vielen Glaubensinhalten um eine pathologische Religionssucht handele, aber als Höhepunkt die Lösung anbieten: Glaube sei heilbar.

    Ein solches Agitieren würde sicherlich von vielen als Volkverhetzung angesehen, da es eine große Bevölkerungsgruppe im Kernbereich ihrer Persönlichkeit angreife. Ganz abgesehen vom §166 StGB. Schriebe ich so etwas, hätte ich ernsthaft Sorge, von einem Gericht verurteilt zu werden. Natürlich schreibt das aber keiner, weil es Unsinn wäre, alle Christen über einen Kamm scheren und die Glaubensfreiheit mit Füßen treten würde.

    Wobei, doch, sowas schreibt jemand: Allerdings muss man im Text erst noch „Christen“ durch „Homosexuelle“ ersetzen, dann bekommt man einen Flyer der „Christlichen Mitte“. Die Verantwortliche ist dafür wegen Volksverhetzung angezeigt worden, das Verfahren wurde aber von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Wer so über Homosexuelle redet, trifft nach Auffassung der Juristen nicht den unverzichtbaren Kernbereich ihrer Lebensführung. Hetze sei das nicht. Kommt ja aus privilegierter, weil christlicher Ecke.

  • Links der Woche

    • Deutschlandradio Kultur Breitband – Die Cyborgs sind unter uns:

      „Wir sprechen mit Enno Park, der dank eines Cochlea-Implantats wieder hören kann und die deutsche Cyborg-Society gegründet hat. Er will sein Implantat jetzt hacken, damit er mehr damit machen kann. Sind offener Programmcode und offene Hardware die Voraussetzung für eine freie Cyborg-Welt?“

    • Schrödinger’s Rapist: or a guy’s guide to approaching strange women without being maced:

      „When I go on a date, I always leave the man’s full name and contact information written next to my computer monitor. This is so the cops can find my body if I go missing. My best friend will call or e-mail me the next morning, and I must answer that call or e-mail before noon-ish, or she begins to worry. If she doesn’t hear from me by three or so, she’ll call the police. My activities after dark are curtailed. Unless I am in a densely-occupied, well-lit space, I won’t go out alone. Even then, I prefer to have a friend or two, or my dogs, with me. Do you follow rules like these?“

    • Piraten oder nicht:

      „Problematischer sehe auch ich den innerparteilichen Umgang, der sich nur sehr schleppend verbessert und der uns schon viele gute Leute gekostet hat. Obwohl das Wahlprogramm der Partei explizit emanzipatorisch, anti-rassistisch, anti-sexistisch usw. ist, ist nicht zu leugnen, dass es eine laute Minderheit unter den Mitgliedern gibt, die das alles ganz und gar nicht ist. Und diese Minderheit darf immer noch viel zu frei agieren und hat damit viel zu viel Einfluss.“

  • Links der Woche

    • 23andme: Wie ich für todkrank erklärt wurde und mich wieder gesund debuggte:

      „Vor wenigen Wochen gab es jedoch plötzlich ein Update in einem Erbkrankheiten-Report. Ich klickte auf den Link und ein Hinweis poppte auf. Bei brisanten Befunden wird man aufgefordert zu bestätigen, ob man das wirklich wissen will. Ich klickte auf OK und wurde weitergeleitet.“

    • Väter gegen Mütter:

      „Die Weichen für diese traurigen Rosenkriege werden zu einer Zeit gestellt, zu der viele an Trennung noch gar nicht denken. In dem Moment nämlich, in dem wir in die Geschlechterrollenfalle tappen. Und das passiert den allermeisten Paaren. Weil, dritte Erkenntnis: Die Politik immer noch versagt, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in Familien- und Arbeitsleben zu unterstützen.“

    • Kinder, Karriere und Leben – Ein Plädoyer gegen die Angst:

      „Seit Beginn der ersten Schwangerschaft erreichen mich Sätze und Fragen, die Entscheidungen zu unserer Familienplanung in Frage stellen, kritisieren, wenn nicht offen angreifen. Die Gestaltung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist (leider) immer noch keine persönliche Entscheidung, deren gleichwie gestaltetes Ergebnis Akzeptanz hervorbringt, sondern immer noch eine, bei der „die Gesellschaft“ mit spricht. „Die Gesellschaft“ sind Verwandte, Freunde, Kollegen, Vorgesetzte und öffentliche Meinungen.“

    • Über Privatsphäre im Internet:

      „Wer viel im Internet unterwegs ist, weiß: E-Mails sind nicht geschützt, ihr Versand gleicht dem einer Postkarte, die von jedem mitgelesen werden kann, der auf dem Weg vom Sender zum Empfänger zufällig einen Blick darauf wirft. Die Struktur des Internet war von Anfang an auf Offenheit ausgelegt. Private Räume kann man darin schaffen, aber man muss das selbst tun und sie entsprechend sichern. Viele Firmen machen das schon lange, sie verwenden etwa abgeschottete Intranets und gestatten von außen nur einen gesicherten Zugang via Virtual Private Network.“

    • Prism und eine düstere Post-Privacy-Prognose:

      „Die Chance der offenen Daten sich horizontal zu vernetzen, so geht eine gängige These zur Post-Privacy, werde sich so nützlich und politisch mächtig erweisen, dass die Leute sich auf Dauer entscheiden, öffentlich zu leben.“

  • Hitchhiker’s Guide to Feminism (Teil 1 oder Einleitung oder so)

    tl;dr: Ich habe vermutlich Langeweile und will ein paar Maskutrolle ärgern.

    Bildschirmfoto 2013-07-25 um 19.25.32

    Dem Feminismus begegnete ich früher mal mit Schulterzucken und leichter Ablehnung. Ich empfand ihn als gestrig. Was Feminist_innen beklagen, entsprach einfach nicht meiner Lebensrealität. Ich bin doch gar nicht frauenfeindlich, möchte doch selber Gleichberechtigung. All die Anklagen und Vorwürfe: das kam in meinem Alltag nicht vor und klang bisweilen hysterisch. Es überrascht mich nicht, wenn Männer (und Frauen) deshalb mit Abwehrhaltung reagieren. Dazu noch den einen oder anderen ZEIT-Artikel über fehlende männliche Vorbilder in Grundschulen voller weiblicher Lehrerinnen oder Väter, die für das Recht kämpfen müssen, ihre Kinder zu sehen – und fertig ist der Maskulist und und vielleicht gar Frauenfeind.

    Dieses Schicksal ist mir zum Glück erspart geblieben. Irgendwann fing ich an, mich am Rande mit Feminismus zu befassen (sehr hilfreich dabei: das Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ von Antje Schrupp). Schuld war der Eintritt in die Piratenpartei und der dort immer wieder aufflammende Streit um Feminismus. Ihm wurde eine Ideologie des „Postgender“ entgegengesetzt. Unterschreibe ich sofort: Es ist toll, wenn wir uns alle gegenseitig einfach wie Menschen behandeln, ohne auf das Geschlecht zu schauen. Der Witz ist nur: Genau das wollten die Feminist_innen von Anfang an: Gleichberechtigung und Gleichbehandlung. Postgender ist also eine Nebelkerze. Meiner Erfahrung nach wird sie von Maskulisten und Antifeministen benutzt, um ihr frauenfeindliches Weltbild zu verschleiern, und von wohlmeinenden Menschen aufgegriffen, die Feminismus mit Männerhass verwechseln.

    Die Heftigkeit, mit der Feminist_innen in der Piratenpartei bekämpft wurden, hat mich erst so richtig auf das Thema aufmerksam gemacht. Da passierte etwas, was in meinem Alltag sonst nicht vorkommt. Das war kein politischer Diskurs: Maskulisten zogen sämtlicher Register von Beleidigung bis Trollerei, um Femnist_innen oder oft auch einfach nur Frauen zu mobben. Keine Anspielung auf Äußerlichkeiten wie Kleidung oder Brüste war zu plump, um nicht vom irgendwem getätigt zu werden. Viele Piraten erschienen mir weniger postgender als vielmehr pubertär. Das vergiftete Klima war sogar Anlass für meinen vorübergehenden Austritt: Ein Admin baute ungefragt einen Filter in die Kommuniaktionskanäle ein, der automatisiert gegenderte Formen wie das „*“ durch die maskuline Form zu ersetzt. Dabei ist gegenderte Sprache nichts weiter als der Versuch, tatsächlich „postgender“ zu sein und Menschen sprachlich nicht mehr nach Geschlecht zu unterscheiden, wo dies nicht nötig ist.

    Ein beliebtes Sujet im unnötigen Piratenkrieg der Geschlechter ist das Schimpfwort „Sexist“. Der scheint oft von Leuten zu kommen, die gar nicht so genau wissen, was Sexismus eigentlich ist. Sexismus hat nichts mit Sex zu tun. Es geht nicht darum, ob irgendwelche Darstellungen, z.B. in der Werbung, zuviel Sex enthalten, sondern darum, dass Menschen nach ihrem Geschlecht (Englisch: „sex“) unterschiedlich dargestellt oder behandelt werden. Wenn irgendwo ein „Sexistische Kackscheiße„-Aufkleber drauf ist, dann weil Frauen abwertend dargestellt werden. (Ich weiß, das ist eigentlich Allgemeinbildung, aber die Erfahrung nötigt mich, das an dieser Stelle nochmal klar zu sagen.)

    In die Realsatire gleitet die Debatte immer dann ab, wenn Maskulisten behaupten, Feministen seien ja selber sexistisch, wenn sie ihre Forderungen formulieren. Das ist wirklich lustig, denn feministische Forderungen zielen ja auf Gleichbehandlung, also auf die Vermeidung von Sexismus, während das Auftrennen in Maskulisten und Feministen nur neuen Sexismus produziert.

    Ja, (Karriere-)Männer müssen um ihre Jobs bangen, wenn Frauenquoten zu erfüllen sind. Eigentlich ist das nur ein Verlust von Privilegien, die ihnen aufgrund ihres Penis zuerkannt wurden, aber Maskulisten wittern Diskriminierung: Schließlich seien die Frauen ja selber schuld, wenn sie nicht genauso hart an ihrer Karriere und Qualifikation arbeiten. Dabei übersehen sie, dass es die gesellschaftlichen Umstände sind, die Frauen genau das erschweren. Muss man sich mal klar machen: Frauen seien also selber schuld, dass sie weniger erfolgreich Karriere machen als Begründung dafür, es Frauen zu erschweren, Karriere zu machen. Ihr merkt es selber, oder?

    Oft wird gesagt, Frauen wählen die falschen Jobs und entscheiden sich dann im Zweifel für ihr Kind und Teilzeit. Ich glaube nicht mehr, dass das am XX-Chromosom liegt, sondern eher an der Sozialisation. Barbie-Puppen und Action-Figuren, Pferdezeitschriften und Mickey Mouse, Spielekonsole und Schminkregal: Die Gesellschaft gibt sich wirklich viel Mühe, uns die Rollenbilder anzuerziehen, die wir eigentlich doch überwinden wollen. Ein Stück weit ist die Einstellung zum Feminismus sicher auch eine Altersfrage. An Schulen und Unis sind Frauen etwa gleich erfolgreich (je nach Fach), an die berühmte Gläserne Decke stoßen sie erst, wenn sie im Berufsleben stehen und vielleicht auch noch Kinder haben. Die meisten merken das erst so richtig, wenn sie über 30 sind und viele Leute in meiner Umgebung sind mit zunehmenden Alter feministischer geworden.

    Eigentlich wollte ich über einen tendenziösen FAZ-Artikel schreiben, über Rape-Culture, Victim-Blaming und vielleicht noch über Kachelmann. Aber diese „Einleitung“ ist so lang geworden, dass ich sie erstmal so stehen lasse. Die Tage dann.

    Update:

    P.S.: Noch so eine Plattitüde kleiner Geister: Feminismus sei ja für Frauen, sonst würde er nicht so heißen. Der Name kommt daher, dass zu Zeiten der Frauenrechtsbewegung Frauen so krass diskriminiert wurden, dass er sich zwingend ergab. Wer denkt, Feminismus sei „Anti-Männer“ sollte sich das ganze nochmal in Ruhe bei einem Glas Bier erklären lassen.

    P.P.S.: Spannend ist, dass das Postgender-Konzept aus dem Cyborg-Manifesto stammt. Die Visionäre waren der Ansicht, wenn wir unsere Körper modifizieren, können wir auch unser Geschlecht modifizieren. Das ist aber nicht „Postgender“ sondern eher „Postsex“. Klingt für viele nicht so erstrebenswert, daher der Begriff Postgender. Heute bezieht er sich auf das soziale Geschlecht.

    P.P.P.S.: Ein schöner Zufall ist, dass mein Blog „Die Ennomane“ heißt, obwohl ich männlich bin. Ich mag dieses Spiel mit Geschlechterzuordnungen. Als der Name entstand, hatte ich damit aber noch nichts am Hut. Das Möbelstück im Logo heißt halt „die Ottomane„. Und ich eben nicht Otto sondern Enno.