Mut zum Trash – ein Review zu Star Wars Episode 8: The Last Jedi

tl;dr: Spoilers ahead! Wer ein weitgehend spoilerfreies und meiner Meinung nach ziemlich stimmiges Review lesen möchte, schaut bitte mal drüben bei René.

Abb: Auf Hoth zurückgelassener Druide beim geduldigen Warten auf eine WLAN-Verbindung.
Abb: Auf Hoth zurückgelassener imperialer Droide beim geduldigen Warten auf eine WLAN-Verbindung.

 

Was für ein Trash. Der neueste Star-Wars-Film ist auf mehren Ebenen richtig schlecht. Und auf anderen Ebenen dann wieder richtig großartig. Und die Gefühle, ob man das, was man da sieht, gerade richtig richtig großartig oder richtig richtig bescheuert finden soll, wechseln während des Zuschauens etwa alle fünf bis zehn Minuten. Das ist auch der Grund, warum ich drüber blogge. Ausgerechnet so etwas egales wie ein Star-Wars-Film, den ich zunächst gar nicht sehen wollte, schafft es, dass ich Stunden nach dem Kinogang immer noch darüber nachdenke, was ich eigentlich davon halten soll und wie ich allerlei Aspekte finde. Denn trotz der vielen wirklich schlechten Stellen habe ich mich sehr gut unterhalten und angeregt gefühlt. Ich versuche mal zu sortieren. Wer den Film noch nicht gesehen hat und das bald tun will, sollte hier aufhören zu lesen.

Erstmal das Negative: „Last Jedi“ ist schlecht. Er versagt ausgerechnet in den Punkten, die ich Filmen normalerweise unversöhnlich ankreide. Er hat riesige Plotholes und Logikfehler. Fast die ganze Handlung des Filmes besteht darin, dass eine gewaltige, bis an die Zähne bewaffnete Flotte der First Order es nicht schafft, den verbliebenen Haufen Rebellenschiffe zu vernichten. Prinzessin Leia wird bei einem Angriff auf ihre Kommandobrücke in den Weltraum geschleudert, dort ohne Raumanzug schockgefrostet – und überlebt nicht nur sondern schwebt durch den Weltraum wie eine Heilige, eine Engelsstatue. Die Rebellen staunen, dass die First Order jetzt auch im Hyperraum/bei Überlichtgeschwindigkeit in der Lage ist, ihre Schiffe zu tracken, nur um sich wenig später im Hyperraum/bei Überlichtgeschwindigkeit per Funk darüber zu unterhalten, dass sie gerade unterwegs sind und gleich wieder da seien. Die Force ist nicht mehr nur noch ein energetisches Medium, mit dem sich Jedi unter anderem gegenseitig irgendwie fühlen können („ich spüre eine Präsenz/eine starke Erschütterung der Macht“), sondern wird von Kylo und Rey als eine Art Walkie-Talkie benutzt, um sich ständig konkret dialogisch zu unterhalten. Um auf einem Kreuzer der First Order einzubrechen, brauchen sie einen Spezialisten und fliegen dafür mal eben schnell auf einen anderen Planeten, um den zu holen, obwohl ihnen gerade eine riesige Kriegsflotte unmittelbar auf den Fersen ist. Als die Rebellen denken, dass sie keinen Ausweg mehr haben, taucht plötzlich im Fenster ein kleiner Planet, auf dem sich sogar eine alte, verlassene Rebellenbasis findet. Die Höhle, von der wortreich erklärt wird, dass sie keinen Hinterausgang habe, hat dann doch einen Hinterausgang, als dringend einer benötigt wird. Auf Canto Bight wird dem bisher gejochten pferdeähnlichen Wesen in einer unglaublich kitschigen Szene liebevoll noch der Sattel abgenommen, bevor ihm die Freiheit geschenkt wird. Einerseits wirkt der Film ein wenig zu lang, andererseits galoppiert er phasenweise zu schnell durch die Handlung erinnert damit (negativ) an „Lord of the Rings: The two Towers“. Wahrscheinlich habe ich noch ein paar Punkte vergessen. Ach ja: Mark Hamill spiel Luke Skywalker.

Okay, hier könnte die Kritik zu Ende sein. Scheiß Film, muss man nicht gucken, tschüß. Das Problem ist, dass „Last Jedi“ soviel Ambivalenz hinterlässt, trotzdem in vielen Details so viel Spaß macht. Vielleicht gerade weil es Trash ist. Weil die Autoren sich gar nicht die Mühe machen, sich um die oben genannten Logiklöcher zu scheren. Das wird an einigen Stellen auch in vielen Bildwitzen überdeutlich, als ein bedrohlich landendes Raumschiff sich als Dampfbügeleisen entpuppt, mit dem ein Roboter gerade einen Anzug bügelt. Oder als Chewbacca mit großen, traurigen entsetzten Augen von einem Porg angesehen wird und es nicht übers Herz bringt, einen anderen Porg zu essen, den er sich gerade gebraten hat. Überhaupt enthält der Film ziemlich viele Gags und nicht alle sind wirklich lustig. „Last Jedi“ ist wie ein Comic. Oder ein alter Flash Gorden-Film. Ein Film der aus Trash und Klischees schon wieder Kunst macht. Ich traue mich kaum, das zu schreiben, aber ich fühle mich unter anderem an Pulp Fiction erinnert. Last Jedi ist der erste postmoderne Star-Wars-Film.

Und er passt unglaublich gut zu Zeit und Zeitgeist: Der erste Satz in der Textrolle zu Beginn lautet „The First Order reigns“. Das ist ein Satz wie „Donald Trump hat die Wahl gewonnen.“ Tatsächlich sind die Rebellen die ganze Zeit nur ziellos und verwirrt. Sie haben doch alles richtig gemacht? Hatten doch das Imperium besiegt und eigentlich schon gewonnen? Gerade erst die Star Killer Base vernichtet? Und nun das? „Last Jedi“ ist ein einziges großes „Ich dachte, wir wären weiter?“. Den Rebellen geht es wie uns, die wir nicht so recht glauben können, dass Hillary Clinton nicht gewählt wurde oder die Briten für den Brexit gestimmt haben und wir nun auch nicht wissen, wie weiter. Dieses Feeling zieht sich durch den ganzen Film, kommt aber besonders stark in einer der großartigsten (und in Kritiken viel gehassten) Passagen auf dem Planeten „Canto Bight“. Dort besuchen Rose, Finn und BB-8  ein hochelegantes 30er-Jahre-Artdeco-Paradies für Superreiche mit Spielkasino und einer Art Pferderennen. Monokeltragende Aliens in Abendkleidern und Smoking, und in den unteren Etagen Stallburschen mit Ballonmützen, die in der Schlussszene in Armut und Unterdrückung lebend mit selbstgebastelten Star-Wars-Action-Figuren spielen und davon träumen, sich der Rebellion anzuschließen, wenn sie mal groß sind. Das ist nicht nur wegen seiner 30er-Jahre-Faschismus-Referenz auf mehreren Ebenen selbstreferenziell, mutig und schlichtweg genial.

Das beherreschende Thema der Ausweglosigkeit für alle, die noch Ideale haben, und des „Ich weiß doch auch nicht wohin und was nun“ begleitet den kompletten Film, wenn als Grundsetting die riesige Flotte der First Order den letzten verkrümelten Rebellenschiffen, die kaum noch Treibstoff haben, permanent auf den Fersen sind. Dieses Grundsetting macht den Film stark, erinnert an die besseren Passagen aus „Battlestar Galactica“, das ja ursprünglich eine TV-Serie war. Stichwort Serie: Viele negative Kritiken klingen, als habe man jemandem, der die letzten 10 Jahre unter einem Stein gelebt, einen Netflix-Account gegeben und der guckt jetzt „Game of Thrones“, „Homeland“ oder „Breaking Bad“ und ist völlig überfordert, was da passiert und jammert, dass das ja gar kein „Star Trek: Next generation“, „Gray’s Anatomy“ oder „Akte X“ mehr sei. „Last Jedi“ wirkt wie eine aktuelle Serienstaffel, die fast schon brutal von 6 auf 2,5 Stunden heruntergeschnitten wurde, um ins Kino zu passen, und hätte sich ruhig mehr Zeit lassen können für seine Figuren und Schauplätze.

Denn die Figuren und Schauplätze haben es in sich. Besonders fällt auf, wie divers „Last Jedi“ besetzt ist. Auf Rebellenseite ist der Cast voller PoC und Frauen und man fragt sich: Warum erst jetzt? (Genaugenommen: Warum erst seit Episode 7?) Während die „First Order“ bis auf wenige Ausnahmen (eine wohl namenlose uniformtragende Brückenoffizierin und Captain Phasma, die äußerlich nicht als Frau erkennbar ist) ein kaukasischer Penisträgerclub ist und sich auch so benimmt, besteht die Führungsriege bei den zunehmend dezimierten Rebellen immer mehr aus Frauen, die Dinge völlig anders angehen. Besonders stimmig: Laura Dern in der Rolle der zeitweisen Leia-Stellvertreterin, deren Kommando einen Strategiekonflikt auslöst, weil Rebellen-Männer ihre Autorität in Frage stellen. Neben einem wirklich großartigen Benicio del Toro in einer Nebenrolle brilliert Adam Driver schauspielerisch als Darth-Vader-Nachfolger Kylo Ren, der ab einem bestimmten Zeitpunkt aufhört, Darth Vader nachahmen zu wollen und seine im Grunde alberne Maske ablegt. Ja und dann ist da noch Mark Hamill. Mark Hamill war schauspielerisch von Anfang an eine der größten Fehlbesetzung aller Zeiten. Dem trägt „Last Jedi“ auf geniale Weise Rechnung indem sie aus Luke Skywalker eine ebenso große Fehlbesetzung als Über-Jedi und letzter Jedi macht. Schauspieler und verkörperte Figur sind in ihrer Rolle überfordert und ungeeignet. Richtig deutlich wird das nochmal in einer letzten Begegnung zwischen Luke und Yoda. Der Film tut das einzig richtige: Er beutet das schamlos aus und macht nebenbei einfach mal Princess Leia nachträglich zur Hauptfigur (von Rey und Kylo abgesehen). Kein Wunder, dass es Zusammenschnitte auf Youtube gibt, die zeigen, wie sehr Mark Hamill seine Rolle in „Last Jedi“ hasst.

Dann Bilder: Natürlich gibt es in „Last Jedi“ die üblichen Raumgefechte und exotischen Planeten. Da bedient der Film nicht nur bisherige Standards, was Star Wars betrifft, sondern geht meiner Meinung nach ästhetisch weit darüber hinaus. Zum einen nimmt der Film das Wort „Krieg“ in „Star Wars“ ernst und inszeniert ähnlich wie in „Rogue One“ Schlachten und Gefechte mit angemessener Härte. Es gibt zwar kein Gemetzel à la „Saving Private Ryan“ aber trotzdem werden Kriegsszenen mit einen solchen Wucht inszeniert, dass ganz klar ist, dass es hier nicht um Ringelpietz geht – und dass Krieg scheiße ist. In der zweiten Hälfte steigert „Last Jedi“ jedoch seine Ästhetik und erinnert immer mehr an Mangas und Animes. Vor allem in der brillanten Szene, in der Laura Dern einen Kamikazeflug bei Überlichtgeschwindigkeit fliegt. Oder als die Bomberstaffel gegen Anfang versucht, das Mutterschiff anzugreifen. Oder Rey in einer Art Spiegel eine Begegnung mit der dunklen Seite der Macht hat. Oder auf der Rebellenbasis sich der Boden bei Berührung blutrot färbt und ein bizarres, überästhetisiertes Schlachtengemälde in die Landschaft zeichnet. Überhaupt ist rot die bestimmende Farbe des Films, nicht zuletzt in Snokes „Thronsaal“. Die Szenen die darin spielen erinnern fast schon ein wenig an die blauen Kampfszenen in „Kill Bill“. Jedenfalls: Bilder, die haften bleiben und große Chancen haben, zukünftig als ikonisch angesehen zu werden.

Wenn Trash oder Pulp mit Selbstdekonstruktion und Zeitgeistigkeit zusammen kommen, dann knistert etwas. Dann könnte „Kult“ entstehen. Ich bin mir nicht sicher, aber habe so ein Gefühl, als das gerade mit „Last Jedi“ passiert und er retrospektiv als Kultfilm und ganz großer Star-Wars-Film bezeichnet werden wird. Weil er alles bisherige über den Haufen wirft, ganz ähnlich wie in unserer Zeit vieles sicher geglaubte über den Haufen geworfen wird. Und zwar ohne in Fatalismus oder Nihilismus zu verfallen. Die Zeit der Jedi ist zu Ende. Die alten Rezepte funktionieren nicht mehr. Zeit für was neues. Nun hängt die Messlatte für dieses „neue“ in Episode 9 unheimlich hoch. Ich weiß noch nicht, wie die Autoren das ein- und auflösen wollen. Ich befürchte für den nächsten Star Wars eine programmierte Enttäuschung und es kann sein, dass „Last Jedi“ später eher für sich steht und nicht in die Reihe passt. Aber gerade das könnte ihn zum Kultfilm machen.

Ich vermute, dass „Last Jedi“ alle alten Fans, die den Fan-Service von Episode 7 vor zwei Jahren abgefeiert haben und auch sonst das Franchise etwas zu ernst nehmen, schwer irritieren dürfte, während diejenigen, die wie ich von Episode 7 eher enttäuscht waren, sich über was Neues freuen. Wie gesagt, ich bin mir selbst nicht sicher und werde ihn mir wohl noch einmal ansehen. Vielleicht bleibt am Ende nur übrig, dass das doch alles Trash ist. Aber es ist schon merkwürdig, dass mich ausgerechnet dieser Film bei mir so viel Verdauungsbedürfnis auslöst und mich dazu bringt, einen solch langen Blogpost über ihn zu schreiben.  Wie denkt ihr darüber?

 

 

 


Eine Antwort zu „Mut zum Trash – ein Review zu Star Wars Episode 8: The Last Jedi“