Meine alten weißen Mitmänner

Foto: Jakob Weber

Ich bekenne mich schuldig, gerne die Phrase „alte weiße Männer“ zu gebrauchen. Und damit meine ich meinesgleichen. Ich bin zwar nicht ganz so alt, wie viele Leute aufgrund meines ergrauenden Bartes und der fortgeschrittenen Glatzenbildung glauben könnten, aber ich bin schon Teil einer Kohorte. Und ich beobachte oben, unten, links und rechts von mir, wie Typen, die sich ihrer Privilegien kein Stück bewusst sind, nicht einmal einen Funken gedanklicher Beweglichkeit mitbringen, Perspektiven ihrer Mitmenschen zu reflektieren. Oft fehlt ganz einfach der Wille, Empathie zu zeigen und sich in die Lage von anderen Menschen, Gruppen und Minderheiten zu versetzen. In Diskussionen, Debattenbeiträgen und Feuilletontexten posaunen sie mit unerschütterlicher Selbstgewissheit die Perspektive derjenigen hinaus, die sowieso gesellschaftlich die Norm definieren. Sobald wer dran kratzt, fühlen sie sich selbst angegriffen und gar diskriminiert, statt sich auch mal selbst zu hinterfragen. Warum auch: Man ist mit irgendwas irgendwie erfolgreich, findet sich toll, muss also objektiv toll sein und recht haben. Egal ob es um Sexismus, Rassimus, Inklusion oder die vielen anderen Debattenschlachtfelder geht. Wegen der vielen Biase, die auch ich mit mir herumtrage und nur langsam abbaue, benutze ich diese Formulierung so gerne: Es ist eine Provokation an meine alten weißen Mitmänner, wenn ausgerechnet ein anderer alter weißer Mann sie „alte weiße Männer“ nennt. Wie sehr, sehe ich daran, dass es mich jedesmal etliche Follower auf Twitter kostet, wenn ich diese Formulierung verwende.

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