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Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen: Der Stock im Po

Ein altes Bonmot besagt: Fußball ist, wenn 22 Idioten hinter einem Ball herrennen – wo übrigens sehr viel wahres dran ist. Das war so ungefähr auch meine Haltung, bis ich mich bei einem Krankenhausaufenthalt mehr oder weniger zwangsweise mit den Vorrundenspielen der Männer-Fußball-WM 1994 auseinandersetzen musste und zu dem Ergebnis kam, dass es voll okay ist, wenn Unterhaltung die niederen Instinkte stimuliert, solange man keine Religion draus macht – übrigens der Grund, warum ich dann seither mit den Ligen, Fantum und Vereinsmeyerei nicht wirklich warm werden konnte, bis heute aber sehr gerne die Fußball-WM und -EM verfolge.

Es gibt keine objektive Messlatte für Relevanz. Relevant ist alles, was Menschen wichtig ist. Wenn sich viele für „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany’s next Topmodel“ interessieren, dann erzeugt das Relevanz, egal wie weh das tut. Relevanz ist urdemokratisch, wird aber häufig fälschlich mit Niveau verwechselt – zum Beispiel immer dann wenn Fußball-Hasser wieder von der Irrelevanz des Fußballs reden. Interessant wird die Lage jedoch, wenn Fußball-Freunde von der Irrelevanz des Frauen-Fußballs reden.

Dass die Frauen-Fußball-WM 2011 auch frauenfeindliche Reaktionen hervorrufen würde, war klar. (Der verlinkte Screenshot stammt übrigens von einer rechtsradikalen Webseite, die ich nicht verlinken mag, und ist vom Autor ernst gemeint.) Haters gonna hate. Dass es im Rahmen der WM sexistische Witze hagelt, ist auch keine so große Überraschung. Wirklich überraschend ist, dass Frauenfußball sichtbar macht, wieviele Menschen dann doch mit einem Stock im Po herumlaufen:

  • Warum sorgt sich die „taz“ um den Feminismus, wenn sich die Spielerinnen so gar nicht feministisch geben mögen und jenseits des Fußballs gerne ihre Weiblichkeit unterstreichen – und ortet dann doch Feminismus, wo keiner sein will?
  • Warum ängstigt sich die „Zeit“, von der Frauen-Fußballnationalmannschaft werde das unmögliche verlangt – und würde sie wirklich dasselbe vor einem Männer-Turnier schreiben?
  • Warum empfindet Fußball-Fan und Bloggerin Mellcolm eine derartige Abneigung vor kickenden Frauen, dass sie wortreich wie inhaltsarm niederschreiben muss, dass es „einfach nicht geht“ – anstatt einfach nicht hinzugehen oder hinzusehen? Und nebenbei – was geht denn für Frauen? Oder altmodischer formuliert: Was schickt sich?
  • Warum lamentiert Malte Welding, dass er sich für Frauenfußball nicht interessiere, „weil ich nie damit behelligt wurde.“ Ist es wirklich so, dass Frauen-Fußball behelligend ist, bloß weil Papi damals mit ihm nur bei Männer-Fußballspielen war?
  • Warum genau soll man Namen der Spielerinnen nennen können, bevor man sich ein Spiel ansieht? Ich hätte bei der überwiegenden Mehrzahl aller Männer-Fußballspiele, die ich bisher gesehen habe, kaum Namen nennen können.
  • Warum wird jedem, der sich in den kommenden Wochen ein paar Spiele ansehen möchte, unterstellt, er fiebere oder sei gar „Nationlalist, um nicht frauenfeindlich zu wirken„?
  • Aus welchem Jahrhundert stammt die Denke hinter der ernsthaft gestellten Frage: „Warum müssen Frauen überhaupt versuchen, es in allen Bereichen den Männern gleichzutun? Fußball, Skispringen, Ringen. . . Die Herren versuchen’s doch auch nicht mit rhythmischer Sportgymnastik.“ – Warum sollten sie nicht?
  • Wieso eigentlich diese an Verschwörungstheorien grenzende These, der Frauenfußball sei ein Hype – während ich in meinem Umfeld einfach nur wohlwollendes Interesse und Neugierde wahrnehme? Selbstverständlich ist das Interesse nach zwei Weltmeistertiteln in Folge groß. Das als „Hype“ abzutun, wertet die fußballernden Frauen schon wieder ab. Dass „Bild“ mal wieder hirnverbrannt titelt wird maßlos überschätzt – genauso wie unterschätzt wird, dass es früher schwer war, sich Frauenfußball überhaupt anzusehen, weil der nämlich kaum im Fernsehen oder in Sportbars lief.
  • Und warum eigentlich sollte Frauen-Fußball nicht als Medien-Ereignis taugen, bloß weil die Spielerinnen Amateure sind im Gegensatz zum männlichen Berufsfußballer? Mit dem Argument dürfte man sich die meisten Sportübertragungen bis hin zu den Olympischen Spielen gar nicht ansehen – die Amateur-Sportarten sind weitaus zahlreicher als diejenigen mit Profi-Ligen.
  • Wie kommt man auf die Frage „Wieviel Rampenlicht verträgt der Frauenfußball“ – sind Frauen bzw. ist Frauenfußball irgendwie besonders zu schützen im Vergleich zum Männerfußball, der schon groß ist und alleine auf sich aufpassen kann?

Diese seltsamen Reaktionen vieler Leute auf den Frauenfußball erinnern mich an Homophobie und klingen für mich wie die Skala von „Wenn sie es nicht öffentlich tun…“ über „Solange sie mich nicht damit behelligen…“ bis „Das ist wider die Natur!“. Offenbar ist es für viele Menschen noch immer tief verunsichernd, wenn andere Menschen einfach leben, wie sie möchten – und sei es etwas so banales wie als Frau Fußball zu spielen.

Dabei ist es so einfach: Frédéric Valin schreibt ein paar freundlich-sachliche wie amüsante Zeilen zur Lage des Frauenfußballs, mit denen bewaffnet man sich auf die Spiele freuen kann. Und wer die Spiele nicht sehen will: Es vollkommen ok, wenn man keine Lust dazu hat und es geht absolut in Ordnung, wenn man findet, 22 Idiotinnen, die hinter einem Ball herrennen, seien uninteressant. Ist nämlich bei Männern auch nicht anders. So rein von der Relevanz jetzt.

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