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Paris: Business as usual

tl;dr: Auf Twitter spult sich nach den Anschlägen von Paris ein Standard-Programm ab.

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Man könnte erschüttert sein über die vielen Toten in Paris. Mitfühlen, wie unbeteiligte Menschen aus den Leben gerissen wurden, das sie gerade genießen wollten. Oder auch mitfühlen mit Milliarden Muslimen, die sich nun schon wieder rechtfertigen sollen für Bluttaten, die im Namen ihrer Religionen begangen wurden. Oder Angst bekommen, dass es im Moment danach aussieht, als ob die Französische Regierung den NATO-Bündnisfall ausrufen könnte, der Krieg eskaliert und Deutschland vielleicht in diesen Krieg gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ eintreten muss. Man könnte laut verlangen, dass Terror nicht mit Krieg beantwortet werden darf, weil die Terroristen sonst ihr Ziel erreicht haben. Man kann Angst haben vor dem nächsten Montag und wie groß wohl die Pegida-Demo in Dresden nach einem solchen Anschlag ausfällt. Man kann deshalb sichere Einreiserouten und ein menschenwürdiges Asylrecht ohne absurde Einschränkungen fordern. Man kann erschüttert sein und einfach den Mund halten, vielleicht vor der französischen Botschaft auf dem Pariser Platz eine Kerze aufstellen. Man kann irgendwie versuchen, mit dem Entsetzen klar zu kommen.

Man kann aber auch das Twitter-Standard-Protokoll für solche Anlässe abspulen, wie innerhalb der letzten 24 Stunden zu beobachten. Die Leichen sind noch nicht erkaltet, da trumpfen Mitglieder der Piratenpartei besserwisserisch auf, die Vorratsdatenspeicherung habe auch diesen Anschlag nicht verhindert. Wenig später kommt die erste Forderung aus der Polizeigewerkschaft, die Überwachung der Bürger müsse verschärft werden. CSU-Söder und seine Spießgesellen entblöden sich nicht, schärfere Einwandungsgesetze zu fordern, als seien es nicht gerade die Flüchtlinge, die in aus Syrien und dem Irak vor dem Terror des IS fliehen. AfD, Pegidioten und Volkspfosten schlagen in die gleiche Bresche und versuchen, aus den Toten von Paris politisches Kapital zu schlagen. Als Zeichen der Solidarität gestalten die ersten Menschen auf Facebook oder Twitter ihr Profilbild in den französischen Nationalfarben, und sofort stehen Ach-so-Linke auf der Matte, und beklagen derlei „nationalistische Symbole“. Andere fragen süffisant in überheblichem Tonfall, wann die Menschen denn endlich verstehen würden, dass eingefärbte Profilbilder auch nicht gegen den Terror helfen. Menschen rufen auf, für Frankreich und die Toten zu beten, und sofort empören sich die üblichen Aggro-Atheisten darüber, was für eine Zumutung ein solcher Aufruf angesichts eines islamistischen Terroranschlages sei, anstatt einfach beten zu lassen, wem’s hilft, die Contenance zu bewahren und Mitgefühl zu zeigen. Menschen äußern ihre Sorge bezüglich der Fußball-Europameisterschaft 2016 und sofort regen sich andere auf, Fußball sei nun gerade nun wirklich unwichtig und kommen gar nicht auf die Idee, dass es darum gehen könnte, dass das Leben hier weitergehen muss, dass wir uns unseren Alltag nicht von irgendwelchen Terroristen diktieren lassen dürfen und dass eben diese Terroristen gewinnen, wenn wir das tun. Und natürlich beschweren sie sich, man wolle ihnen das Wort verbieten, wenn man sie darauf hinweist. Beobachte ich Twitter, Facebook, Kommentarspalten, sehe ich sie vor mir: Gemütlich im Sessel vor dem Fernseher, eine Bierdose in der Hand oder mit dem Laptop im Café und dem Latte Macchiato daneben, weit entfernt von jeder existenziellen Bedrohung. Menschen die mit allerhöchster Sicherheit nicht an Terroranschlägen oder im Krieg sterben werden sondern an Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen, dramatisieren ihre eigenen kleinen Komplexe und Neurosen, pulen in ihrem Bauchnabel und twittern genau das, was sie immer twittern, nur dieses mal mit einem ganz besonderen Anlass und wie so oft bar jeglicher Empathie. Es geht diesen Leuten, die da ihren Seelenmüll abkippen, nicht um Paris, nicht um Terror, sondern ausschließlich um sich selbst.

Die Terroranschläge machen mich sprachlos. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, wie ich reagieren soll. Viele Reaktionen in den sozialen Medien machen aber mich aber alles andere als sprachlos. Manche Menschen möchte ich an den Schultern packen und durchschütteln, ihnen sagen: Kommt mal klar! Vielleicht wachen sie dann auf aus ihrer Dumpfheit. Paris sollte Ausnahmezustand sein, die Reaktion in den sozialen Medien allerdings ist Business as usual. Ich glaube, der Gedanke, das Leben muss weitergehen, weil die Terroristen sonst bekommen, was sie wollten, war anders gemeint.