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Nerz-Bashing

Ich war dieses Wochenende nicht in Heidenheim, konnte also nicht mit abstimmen und habe den Parteitag teilweise von Zuhause verfolgt. Eigentlich hätte ich mir ja Christopher @Schmidtlepp Lauer gewünscht, obwohl wir in ein paar Dingen, vor allem beim LQFB, heftig über Kreuz liegen, weil ich schon immer eine Schwäche für politische Exzentriker hatte. Über Sebastian Nerz wusste ich kaum etwas, außer dass er Landesvorsitzender in Baden-Württemberg ist und Jens Seipenbusch ihn als Nachfolger empfohlen hat. Ich glaube, ich bin damit wirklich unverdächtig, ein Nerz-Fanboy zu sein.

Das Nerz-Bashing, welches nach der Wahl einsetzte, ist der reinste Kindergarten. Zwischen den Zeilen lese ich Ablehnung, weil Sebastian nicht glasklar links ist – und das in einer Partei, die weder links noch rechts sein will. Einer der Kritikpunkte ist wohl seine CDU-Vergangenheit. Ich finde es zwar auch seltsam, dass er in der CDU war, obwohl er sie bundespolitisch damals schon nicht gemocht haben will, aber er war eben gegen Schröder und Rotgrün und hey: Ich kannte mehrere Leute, die so mit 16 in Parteien eingetreten sind, nur weil ihre Eltern oder Freunde drin waren.

Ich möchte also Sebastian nicht daran messen, ob er mal in der CDU war, sondern daran, was er heute so sagt und treibt. Ich habe mir aufgrund der Beschimpfungen mal näher angesehen, was sich im Wiki, auf Twitter, Formspring und vor allem auch in seinem Blog finden lässt, und bin überrascht, wie sehr ich mit diesem scheinbar „rechten“ Piraten übereinstimme, wo ich selbst doch als linke Socke verschrien bin.

  • Sebastian möchte, wenn ich ihn richtig verstanden habe, die politische Arbeit besonders in der Außenwirkung und in der Pressearbeit gerne professionalisieren und das Verhältnis Basis/Vorstand neu austarieren. Ich habe keine Ahnung, wie er das im Detail machen will, aber daraus einen „Führer“ zu stilisieren, ist doch arg ins Klo gegriffen. Nach ungefähr eineinhalb Jahren innerparteilicher Trostlosigkeit freue ich mich darüber und bin gespannt, was er machen wird und wie es im im Detail gelingt.
  • Er hält Liquid Feedback für gescheitert, will das System aber ohne Parteitagsbeschluss nicht abschalten, ansonsten auch andere Systeme testen und fordert vor allem – ganz Datenschützer – Anonymität für die Abstimmenden, weil es nur dann wirklich freie und geheime Wahlen sind. Was ich auch schon immer sagte.
  • In der Datenschutz- und Spackeria-Debatte nimmt er die Haltung des Datenschützers ein und empfindet eine vollkommen transparente Gesellschaft ohne Anonymität, in der jeder alles über alle wissen kann, als dystopisch. Genau wie ich. Ich bin sogar der Auffassung, dass die Piratenpartei auf gar keinen Fall Spackeria-Positionen vertreten darf. Warum, werde werde ich demnächst noch woanders ausführlich bloggen und möchte an dieser Stelle nur mal an „Piratsphäre“-Aufkleber erinnern…
  • Sebastian sucht einen Mittelweg zwischen delegierter und direkter Demokratie und rührt damit an ein innerparteiliches Dogma. Direkte Demokratie zweifele ich schon lange an. Um zu verstehen, dass Plebiszite nicht funktionieren, muss man gar nicht erst aufs Schweizer Moscheeverbot schauen – einmal im Jahr European Song Contest gucken reicht völlig. Dass ausgerechnet einem Skeptiker der direkten Demokratie vorgeworfen wird, er habe in Heidenheim „Heimvorteil“ bei der Abstimmung gehabt, ist nicht nur ein schlechter Witz, sondern auch noch falsch.
  • Auch wenn viele Piraten das Thema nicht mehr hören können, liegen mir die Feminismus-Debatte und Genderthemen am Herzen. Die Piratenpartei ist meiner Erfahrung nach bis auf wenige Ausnahmen nicht postgender sondern eher postpubertär. Ich möchte, dass Frauen gerne in die Partei kommen und sich wohl fühlen, was aber nur sehr wenige auch tun. Piratensympathisantinnen fühlen sich in den „Jungsgruppen“ oft diffus unwohl, und viele männliche Piraten finden, dass Frauen da selbst dran schuld seien. Ich finde es sehr erfrischend, dass Sebastian hier die Haltung vertritt, dass sich in der Partei mindestens der Ton ändern müsse, auch wenn ich persönlich mir ja Quoten wünschen würde. Ganz nebenbei vertritt Sebastian übrigens Homoehe und Adoptionsrecht für Homosexuelle. So furchtbar schlimm rechts kann er also gar nicht sein.
  • Sebastian legt wert darauf, dass die Piratenpartei das bedingungslose Grundeinkommen nicht wörtlich beschlossen hat, was auch stimmt. Er hält es für nicht machbar. Ich selber vertrete das BGE zumindest als Vision für die Zukunft, bin mir aber nicht sicher, ob ich mir als König von Deutschland trauen würde, es hier und heute einzuführen. Von daher kann ich seine Haltung verstehen. Ansonsten ist er kein Kernie sondern möchte, dass das Programm moderat erweitert wird, schon alleine deshalb, weil IT, Transparenz, Datenschutz, Bürgerrechte und Bildung Querschnittsthemen sind, die viele Gebiete betreffen. Wir müssen ja nicht gleich einen auf Volkspartei machen und ich bin da sehr bei ihm.

Mein persönliches und vorläufiges Fazit: Ich bin nachträglich positiv überrascht, wen wir da gewählt haben. Dieses ganze Gerede von „Piratenmerkel“ und „falscher Kandidat gewählt“ kann ich nicht so recht nachvollziehen, außer man ist eben in obigen Punkten völlig anderer Meinung als ich. Jetzt muss sich zeigen, wie er sich in der Praxis hält. Aus Baden-Württemberg hört man ja eigentlich nur gutes. Sebastian, ich wünsche dir unbekannterweise viel Glück und Erfolg.