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Eine Woche voller Palmtage

Der Palm Pré kommt in einer sehr schön gestalteten Schachtel. Allein das Auspacken ist so sexy, dass man das Telefon mindestens einen Tag lang lieben muss. Dabei mutet es mit seiner Hochglanzoptik ein wenig wie ein „Frauenhandy“ an. So ist z.B. im Slider ein kleiner „Schminkspiegel“ integriert. Ja OK, eigentlich ist der für Selbstportraits gedacht.

Aufschieben tut man das Gerät ansonsten, weil man Tippen will: Obwohl es einen Touchscreen hat, fehlt die Bildschirmtastatur und man hackt auf winzigen QUERTZ-Knöppen herum. Die sind allerdings so gestaltet, dass Tippen mit westeuropäischen Händen tatsächlich möglich ist. Mit Winztastaturen im Blackberry oder beim Palm Treo bin ich nie klargekommen. Auf dem Palm Pré geht’s, aber trotzdem ist meine Tippfehlerquote z.B. auf Twitter sehr viel höher als zuvor mit klassischem Handy und Zifferntastatur. Speziell einhändiges Tippen ist ziemlich fummelig, aber ich gewöhne mich langsam dran. Das Pré ist immerhin das einzige Handy mit QUERTZ-Tastatur auf dem ich überhaupt einhändig mit nur einem Daumen tippen kann, während ich das Gerät in der gleichen Hand halte. So ein kleines Detail ist in beim Herumtragen von Einkaufstüten oder bei Stehplätzen in der U-Bahn einfach wichtig.

Als Anfänger schiebt man das Telefon außerdem noch auf, um die Tastensperre aufzuheben, aber nur, bis man verstanden hat, dass dafür der Ein-Ausschalter oben rechts gedacht ist. Ein- und ausschalten kann der natürlich auch, dafür muss man allerdings etwas länger drücken. Und Geduld haben. Das Handy braucht fast 2 Minuten zum Booten. Das ist schlecht, wenn man wie ich die Angewohnheit hat, es während der Arbeit längere Zeit auszuschalten und es in den Pausen zwischendurch dann doch benutzen möchte. Ausschalten tue ich, um Strom zu sparen: Die Akkulaufzeit ist unzureichend. Ich will mindestens von 8 bis 20 Uhr mein Handy benutzen können. Das Nokia N86 z.B. schafft bei intensiver Nutzung locker 24 Stunden bis mehrere Tage. Angeblich soll Update auf Web OS 1.3.1 helfen, was ich nicht getestet. Es erscheint in den nächsten Tagen für deutsche Prés.

Das Gehäuse insgesamt ist sehr handschmeichlerisch verarbeitet, die Rückseite aber ein wenig zu glatt. Kauft man sich jedoch einen Touchstone zum drahtlosen Laden via Induktion dazu, braucht man auch ein anderes Gehäuseteil, welches matt ist und sehr viel angenehmer in der Hand liegt. Überhaupt der Touchstone: Einfach nur sexy. Ich verspürte spontan das Verlangen, mir ein paar passende Designermöbel dazu zu kaufen. Der Zukauf eines Touchstone ist allerdings kein reiner Luxus: ich empfehle ihn dringend, weil die Ladebuchse sich hinter einer  Abdeckung verbirgt, die äußert friemelig abgefummelt werden muss und nicht den Eindruck macht, als ob die das lange überlebt. Beim induktiven Laden über den Touchstone gibt es noch einen anderen Stolperstein: Es sollten keine metallischen Gegenstände wie z.B. ein Schlüsselbund in unmittelbarer Nähe liegen. Wenn doch, könnte man am nächsten Tag merken, dass der Pré gar nicht (richtig) aufgeladen wurde…

Palm Pre lädt induktiv auf dem Touchstone

Das Display ist von äußerst guter Qualität und sogar einen Tick besser als das des iPhone. Es lässt sich auch bei direkter Sonneneinstrahlung gut ablesen. Auch wenn es etwas kleiner als beim iPhone ist, hat es die gleiche Auflösung. Dadurch ist das Handy insgesamt kleiner, was ich sehr angenehm finde.

Wenn wir schon beim Design sind: Oft wurde die scharfe Unterkante als „Käsemesser“ verspottet oder gar als Gefahr angesehen. Das ist albern. Das Palm Pré hat einige Schwächen und Nachteile, aber die Gehäusekante gehört definitiv nicht dazu. Insgesamt ist die Verarbeitung sehr gut, kommt aber nicht an die Wertigkeit eines iPhone heran. Der Slider hat geringfügig Spiel, was aber nicht der Rede wert ist – schon gar nicht im Vergleich zu den meisten anderen Slider-Geräten.

Bleibt an Hardware noch die Kamera: Die Bildqualität ist gerade eben so akzeptabel, vergleichbar mit der vom iPhone. Videos kann man nicht aufnehmen. Vom N86 aus ein klarer Rückschritt, vor allem, wenn man wegen der einigermaßen guten Qualität vieler Fotohandys auf eine separate Digicam verzichtet, weil man die sowieso nie dabei hat. Wenn die Kamera schon nichts kann und niedrig auflöst, so hat Palm sich wohl gedacht, kann auf einen Steckplatz für Speicherkarten zu verzichten. OK, mit den 8 GB komme ich prima hin. Schade ist es aber trotzdem. Wer z.B. viel Musik auf dem Handy mitnimmt, füllt den Speicher im Handumdrehen an die Schmerzgrenze.

Die Software

Da ist zunächst das Betriebssystem WebOS von Palm, welches wirklich gelungen ist. Es läuft auf einem Linux-Kernel, welcher sich leicht rooten lässt, sodass man mit dem Handy tatsächlich jeden Mist per Shell anstellen kann. So gibt es z.B. schon eine Anwendung für Tethering, was das Palm Pré offiziell gar nicht kann. Vermutlich wird auch eine Video-App nicht lange auf sich warten lassen.

WebOS ist allen Smartphone-Systemen, die ich bisher persönlich testen konnte, überlegen. Die Darstellung der verschiedenen Programme als Karten, zwischen denen man per Fingerwisch umschaltet, ist schlichtweg genial. Obwohl WebOS im Detail einige Kinderkrankheiten hat, ist es meiner Meinung nach dem OS X des iPhone überlegen, auch wenn einzelne Dinge im iPhone besser gelöst sein mögen.

Grundsätzlich, unabhängig vom Modell, hat das Konzept „Touchscreen“ durchaus Schwächen, da der Anwender kein unmittelbares Feedback erhält, wenn er etwas angeklickt hat. Das Feedback muss die Software sofort liefern, oder das Gerät ist nicht benutzbar. Die bis heute einzigen brauchenbaren Touchscreen-Geräte sind deshalb nach wie vor das iPhone und das Palm Pré. (Besonders enttäuscht war ich in diesem Zusammenhang übrigens wegen hoher Latenzen vom Nokia N97.)

Also: Der Touchscreen ist sexy, aber fummelig. Er reagiert z.B. oft auf die dicke Stelle meines Daumens, obwohl ich eigentlich mit der Spitze klicken will. Ein Touchscreen erfordert Aufmerksamkeit des Anwenders: Man muss schon hinsehen, wenn man das Gerät bedient. Bei klassischen Handys lernt man schnell die Abfolgen von „Rauf-runter-links-rechts-Zahlentasten-OK“ auswendig, was eine quasi-blinde Bedienung ermöglicht. Geräte mit Touchscreen sind also in manchen Situationen prinzipiell weniger praktisch. Editiert man z.B. einen Text, ist es immer eine fummelige Angelegenheit, den Curser nachträglich an einen bestimmte Stelle zu setzen. Hier vermisst man Pfeiltasten wirklich schmerzhaft. Allerdings verbringt man am Anfang auch ein wenig Zeit damit, die sichere Bedienung zu erlernen. So empfand ich das Palm Pré als umständlich gegenüber dem N86, bis ich das N86 doch wieder einen Tag in Benutzung hatte…

Eines der Highlights von WebOS ist die sehr gute E-Mail-Software. Leider konnte ich sie nicht dazu überreden, via SSL auf meinen IMAP-Account zuzugreifen. Und man sollte vorsichtig sein: Eine Mail löscht man, in dem man sie mit dem Finger nach rechts hinauswischt. Dabei ist es mir schon zwei mal passiert, dass ich versehentlich die falsche Mail gelöscht habe. In einem Fall konnte ich sie aus dem Papierkorb fischen, in einem anderen Fall nicht. (Warum, weiß ich bis heute nicht.)

Je nach Mentalität ein Nach- oder Vorteil ist, dass der Pré permanent Mails abholt. Die Möglichkeit, das nur bei Bedarf zu tun, wenn man den E-Mail-Client startet, besteht nicht. So wird man immer über eingehende Mails informiert, verbraucht aber auch ein wenig Traffic. Eine UMTS-Flatrate ist aber bei Geräten wie dem Pré sowieso Pflicht. Update: Wie Tom und in den Kommentaren schreibt, kann man dem E-Mail-Programm sagen, wie oft es syncen soll. Dass Nutzer eines Pré eine Datenflaterate haben sollten, gilt aber trotzdem. Mit der nach 200 MB auf GPRS gedrosselten UMTS-Flat von O2 komme ich als Intensiv-Nutzer übrigens prima hin.

Wichtigste Anwendung nach SMS ist auf meinem Handy natürlich Twitter. Der kostenlose Client „Tweed“ ist sehr luxoriös und hat allerlei Funktionen, die ich sonst nur vom Desktop-Client kannte. Als Twittermaschine macht der Pré sehr viel Spaß.

Tweed auf dem Palm Pré

Enttäuschend sind die Business-Funktionen. Gut, dafür gibt es eigentlich andere Geräte, aber trotzdem: Gerade von Palm mit seinen tollen Handhelds und dem immer noch ausgezeichneten Palm Desktop hätte ich da mehr erwartet. Ich kann den Pré nicht ohne Zusatzsoftware mit den Daten auf meinem Mac oder PC abgleichen. (Stattdessen wird ständig ein Backup in der Cloud gespeichert, was sich aber abschalten lässt.) Lustigerweise hat O2 es auch versäumt, seinen ziemlich brauchbaren „Communication Center“ so anzupassen, dass man damit seinen Pré syncen könnte, was etwas seltsam ist, da das Pré in Deutschland exklusiv von O2 vermarktet wird.

Termine und Aufgaben sind dazu da, sich an sie zu erinnern. So hat eigentlich jedes Telefon einen Startscreen, das die aktuellen Todos und Termine als erstes und immer anzeigt, wenn kein anderes Programm läuft. Das vermisse ich beim Pré schmerzlich und hoffe auf eine entsprechende App, die ich standardmäßig laufen lassen würde. Das einzige, was der Startscreen bietet, ist eine Art Programmstarter für die 5 wichtigsten Programme, was mir eigentlich zu wenig ist. Ein Druck auf einen Pfeil öffnet eine mehrseitige Übersicht über alle Programme, ähnlich wie man sie vom iPhone kennt.

Kalender und Aufgabenlisten schwächeln noch in anderer Hinsicht. Starte ich die Aufgabenliste, so muss ich als nächstes zwischen verschiedenen Unterlisten wählen. Alles in einer Liste wäre da doch erheblich übersichtlicher, zumal es keine erkennbare Sortierung à la „das wichtigste/dringendste zuoberst“ gibt. Die Aufgabenlisten im Palm Pré sind da eher wie mehrere Notizzettel, die im Portemonnaie herumfliegen.

Der Kalender ist etwas besser, zeigt aber morgens nicht unbedingt an, dass abends ein Termin ansteht, je nachdem, welcher Bildschirmausschnitt angezeigt wird. Die berühmte Ziehharmonika-Optik wird erst sichtbar, wenn mindestens 2 Termine angezeigt werden. Auch kann der Kalender Termine nicht jährlich wiederholen. Das hatte mich wegen der Geburtstage sehr geärgert, bis ich gemerkt habe, dass man die Geburtstage in den Kontakten speichern kann. Dann werden sie auch im Kalender angezeigt. Viele solcher Kleinigkeiten bekommt man erst mit der Zeit z.B. im Webforen heraus, weil das beiliegende Handbuch ein Witz ist und die Online-Hilfe leider auch. Nicht einmal alle Gesten, die das Gerät erkennen kann, werden dem unbedarften Neuanwender vorgestellt.

Als großer Vorteil von WebOS wird oft genannt, dass es Daten aus allen möglichen Online-Quellen zusammenführt. Das wird zwar viel gelobt, ist aber in der Praxis irrelevant, weil ich z.B. einen Großteil meiner Facebook-Kontakte nicht unbedingt im Handy speichern will, umgekehrt aber massenhaft Kontakte im Handy stehen, die nicht auf irgendwelche Webseiten gehören. Was auch fehlt, ist eine offene API, damit Anbieter wie Xing einfach auch ihre Kontaktdaten zum Abgleich bereitstellen können. Ich synce meinen Pré also weder mit Google noch mit Facebook oder sonst wem, sondern via Missing Sync mit einem lokalen Rechner.

Ausgezeichnet hingegen ist der Browser, der wie beim iPhone auf Webkit basiert und sich ganz ähnlich bedienen lässt. Surfen ist mit dem Pré eine Freude. Dass es in Details besser geht, zeigt aber Opera Mini, der zwar spartanischer ist, aber z.B. beim Zurückgehen zur vorherigen Webseite diese einfach fertig gerendert aus seinem Cache liest, während Pré und iPhone da umständlich Sachen nochmal laden und neu rendern. Die Browser im iPhone und im Pré sind da etwas langsamer, aber natürlich schöner und in der Darstellung nicht mobil-gerechter Webseiten anderen Handy-Browsern weit überlegen. Beim Pré versucht der Browser übrigens, Text so intelligent wie möglich lesbar dazurstellen. Das kann manchmal dazu führen, dass Überschriften auf Webseiten kleiner sind als der eigentliche Text. Auf Geräten wie Pré und iPhone erwarte ich eigentlich, dass Webseiten wirklich genau so dargstellt werden wie auf einem PC.

Das iPhone wurde ja oft belächelt wegen des zunächst fehlenden Copy&Paste, was das Pré von Anfang an konnte. Hier muss man aber relativieren: Copy&Paste ist auf dem Pré leider wesentlich schlechter gelöst als auf dem iPhone. Und es steht nicht systemweit zur Verfügung. So ist es z.B. nicht möglich, einen Absatz aus einer Webseite in eine E-Mail einzufügen. Auch hier soll aber das kommende Update Besserung bringen.

Dafür ist das Pré aber nicht nur durch sein Multitasking und seine GUI anderen Touchscreen-Smartphones wie dem iPhone überlegen, sondern auch durch eine andere nette Kleinigkeit: Systemmeldungen aller Art (z.B. eine eingehende SMS) unterbrechen den Anwender nicht bei dem, was er gerade tut, sondern werden dezent am unteren Rand eingeblendet. Hier hat Palm mal wirklich darüber nachgedacht, was Benutzer anderer Telefone nerven könnte.

Fazit

Das Palm Pré ist das einzige Touchscreen-Smartphone, das es ernsthaft mit Apples iPhone aufnehmen kann. In manchen Punkten ist es unter-, in anderen aber überlegen und bügelt viele Schwächen wie den nicht wechselbaren Akku oder die feste Vertragsbindung an T-Mobile aus. Technisch gesehen und vom reinen Nutzwert her ist es besseren klassischen Telefonen wie dem Nokia N86 deutlich unterlegen. Eigentlich war ich deswegen schon drauf und dran, den Pré wieder zu verkaufen und weiterhin das Nokia zu nutzen. Problem nur: Das N86 macht mir einfach keinen Spaß mehr. Die Meckerei am Pré oder iPhone ist also Vergleichbar mit der Haltung derer, die permanent ihre Linux-Shell benutzen und Windows- oder Mac-Anwender als Mausschubser bezeichnen.

An die Touchscreen-Bedienung kann man sich dermaßen gewöhnen, dass man normale Handy nur noch als Elend empfindet, wenn man mehr damit macht, als bloß zu telefonieren. Übrigens das einzige, was ich mit dem Pré noch nicht gemacht habe. Die Klangqualität soll aber sehr gut sein.