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A Forest

Irgendwann stellte ich fest, dass Online-Dating kalt und seelenlos ist und einfach nichts bringt. Versandhauskatalogmentalität. Keine Tiefe. Ihr kennt das. An diesem Punkt war ich und wusste nicht, wohin mit meiner Libido. Also ging ich raus in den Wald. Ich hatte gehört, dass es ein ganz besonderes Erlebnis sein soll, einen Baum zu umarmen.

Zunächst drückte ich mich ratlos am Waldrand herum. Nervös betrachtete ich die bemoosten Schönheiten, wie sie im Dunst herumstanden. Ich sehnte mich nach einem Tresen mit einem Glas Bier um mich daran festzuhalten. Ich bereute, das Rauchen aufgegeben zu haben, und scharrte mit den Füßen im Humus.

In einiger Entfernung flog eine Mittvierzigerin in bunter Wolle und grauen Locken auf eine Birke zu. Die beiden waren sichtlich erfreut, einander zu sehen, umarmten sich herzlich und verschwanden bald im Dunkel des Gestrüpps. Nur ein kleines Juchzen war noch ein-, zweimal zu vernehmen.

Ich indes traute mich nicht, eines der Waldgeschöpfe anzusprechen. Schüchtern vermied ich jeglichen Blickkontakt. Irgendwann ging ich unverrichteter Dinge wieder nach Hause, aber schon wenige Tage später trieb mich die Sehnsucht erneut hinaus in den Wald. Einige der Bäume erkannte ich gleich wieder. Allerdings standen sie kühl herum, ohne mich zu beachten. Ich gehörte sichtlich nicht dazu.

Stundenlang lungerte ich herum, doch von Einsamkeit übermannt riss ich mich schließlich zusammen und näherte mich vorsichtig einem leicht verkrüppelten Ahorn. Er stand ein wenig abseits und wirkte auf den ersten Blick eher wie ein Strauch als wie ein Baum. Vorsichtig berührte ich sein Geäst. Sofort erstarrte er und schien zurückzuweichen. Er stand nicht auf Männer. Welch ein Faux-Pas! Ich war verwirrt. Ein solches Verhalten hätte ich mir selbst nicht zugetraut. Verschämt verbarg ich meine Erektion und ging.

Zuhause setzte ich mich an den Computer. Stundenlange durchforstete ich die Online-Shops von Gärtnereien und holte mir dabei ein einen runter. Besonders stand ich auf ordinär geschminkte japanische Traubenkirschen. Nur ein letzter Funken Anstand hinderte mich daran, in eine Baumschule zu schleichen und mich dort an der Jugend zu vergehen.

Doch eines Tages, wieder auf Streifzügen durch die Wälder, begegnet ich ihr. Zunächst bemerkte ich sie gar nicht, und fast hätte ich sie übersehen, wenn sie mich nicht mit ihrem Zweig angestupst hätte, als ich gerade dabei war, lüstern eine Kastanie zu betasten. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich in das Antlitz dieser rundlichen Fichte sah. Ich erwiderte ihr Lächeln und auf eine einladende Geste hin berührte ich vorsichtig einen ihrer Zweige und streichelte ihre weichen jungen Nadeln. Es piekste nur leicht, wenn ich ihren angenehm festen Stamm berührte.

Was dann geschah, verlor sich im Dunst des Waldes unter schräg einfallenden Sonnenstrahlen. Nie werde ich vergessen, wie wir gemeinsam unter dem Dach der Farne Liebe machten. Niemals wieder werde ich etwas ähnliches empfinden wie die Sanftheit ihres harzigen Astlochs, als wir zärtlich uns vereinten. Niemals wieder wird meine Nase den köstlichen Duft verlieren, welchen sie verströmte. Noch heute weiten sich meine Papillen bei dem Gedanken an den delikaten Geschmack, wenn meine Zungenspitze sie erforschte. Ein warmes Gefühl von Verbundenheit ergriff mich, wenn mein Blick zufällig unter ihre unrasierten Achseln fiel.

Ich könnte heute nicht sagen, ob es Tage, Wochen oder Monate waren, die ich fortan durch’s Leben schwebte. Wir dachten schon daran, zusammen zu ziehen, als unsere Romanze ein jähes Ende fand. Eines morgens lief ich durch den Wald, die Nase in den Wolken und das Glück im Herzen, als ich aus der Ferne kreischende Geräusche vernahm. Ich warf alles von mir und rannte so schnell ich konnte zu unserem Treffpunkt. Dort blieb ich wie angewurzelt stehen. Unsere schattige Höhle aus Farn, Geäst und Licht hatte sich in eine Wüste aus Baumstümpfen verwandelt. Ich verlor die Besinnung und drosch wahllos mit einem Holzprügel auf die Männer in ihren Sicherheitswesten ein, die gerade dabei waren, einen Stamm durch den Baumschäler zu jagen.

Ein größeres Unglück konnte vermieden werden, weil drei kräftige Förstereimitarbeiter mich festhielten, bevor es mir gelang, die Motorsäge in Betrieb zu nehmen. Blind vor Tränen rief ich nach meiner Angebeteten. Ich schrie ihren Namen in den Himmel hinaus.

Doch sie war nicht mehr da.

Drei Tage später meldete ich mich dann wieder Okcupid an.