Die Welt aus alter weißer Männersicht

Ich bekenne mich schuldig: Ich gebrauche gerne die Phrase „alte weiße Männer“. Und damit meine ich meinesgleichen. Ich bin zwar nicht ganz so alt, wie viele Leute aufgrund meines ergrauenden Bartes und der fortgeschrittenen Glatzenbildung glauben könnten, aber ich bin schon Teil einer Kohorte. Und ich beobachte, wie oben, unten, links und rechts von mir ansonsten sehr intelligente und gebildete Männer nicht einmal einen Funken gedanklicher Beweglichkeit mitbringen, die Perspektiven ihrer Mitmenschen zu reflektieren.

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Die Sache mit dem Genderdings

Als ich klein war, fand ich die Welt noch ganz gerecht. Frauen bekamen Babys, Männer mussten als Ausgleich zur Bundeswehr. Leider stellte sich die Sache später doch einiges komplizierter dar. Irgendwie habe ich die feministischen 80er überlebt und irgendwann habe ich endlich gelernt, dass Fußball spannend finden nicht zwangsläufig mit intellektuellem Steinzeithöhlendasein gleichzusetzen ist und man Frauen sehr wohl in den Mantel helfen darf, wenn beide Teilnehmenden Gefallen an diesem symbolischen Bondage finden.

Nicht vergessen sollten wir, dass der Zölibat für Lehrerinnen in Baden-Württemberg erst 1956 aufgehoben wurde. Auch dürfen Frauen erst seit 1971 in der Schweiz wählen, was, glaubt man Aaron König, zum dortigen Minarettverbot geführt hat. Noch heute verdienen Frauen meist schlechter als Männer, was häufig mit der Karrierebremse Kind und „sozialerer“ Berufswahl erklärt wird oder damit, dass Frauen einfach weniger in der Lage seien, in Gehaltsverhandlungen ihren Mann zu stehen. Mittlerweile ist der aber auch zum schwachen Geschlecht mutiert, glaubt man den Medien. Lebt kürzer und ungesünder und kommt in der Schule schlechter weg, wo er  von einem Heer von Lehrerinnen unterrichtet wird, während zu Hause seine allein erziehende Mutter die Hausarbeiten kontrolliert. Manchmal liest man allerdings das glatte Gegenteil. Es scheint nur noch Problemgeschlechter zu geben.

Das ganze Thema ist von Vorurteilen durchsetzt, zugleich aber hoch komplex und streift gleich mehrere wissenschaftliche Disziplinen. Ich persönlich kenne mich in dem Bereich nicht aus und will mir kein Urteil anmaßen, habe aber das leise Gefühl, dass Gender gerne mit Feminismus verwechselt wird, gerade auch von letzterInnen. Die Medien vermitteln mir ein „nichts genaues weiß man nicht“, aus der nun Politiker irgendwelche Handlungsanweisungen ableiten sollen, die Themen wie Bürgerrechte, Chancengleichheit, Sozialpolitik, Bildung usw. berühren. Eine Themenauswahl, die für mich durch aus piratenrelevant klingt.

Mit Alltagserfahrung und „gesundem Menschenverstand“ kann man das ganze jedenfalls nicht angehen. Das hat schon bei von der Leyens Stopschildern nicht geklappt. Eine Genderdebatte bei der Piratenpartei ist also dringend nötig. Selbst wenn das zu jahrelanger Selbstzerfleischung führt und wir den Grünen dabei wieder was nachmachen, ist es nötig, gerade um ggf. zu neuen Standpunkten und zu einer schlüssigen Politik zu finden. Deshalb begrüße ich den Versuch von Piratinnen, sich zu Zirkeln zusammenzuschließen und freue mich sehr auf die Impulse, die aus dieser Richtung kommen werden!

Auch deshalb habe ich zunächst meinen Namen als Ablehner unter diesen offen Brief gesetzt. Letzteres bereue ich aber, seit ich von den Erfahrungen gelesen habe, die Piratenfrau Jinx mit der Moderatorin der Piratinnenmailingliste machen musste. Liebe Damen, das ist hysterisch. Oder wollt ihr wirklich ins Rollenbild des 19. Jahrhunderts zurückfallen? Die unerfreuliche Affaire um eine Mailingliste und zwei nicht authorisierte Pressemitteilungen hat einmal mehr zu einem tendenziösen taz-Artikel geführt, der wichtige Aspekte der Debatte unter den Tisch fallen lässt und die Piraten als reine Chauvi-Partei darstellt. Naja, Hauptsache, die Namen sind richtig geschrieben.