Notizen zum sexistischen Manifest eines Google-Mitarbeiters

Post-Gamergate ist der Kulturkampf erneut ausgebrochen. Ein Google-Mitarbeiter veröffentlicht firmenintern ein Memo oder eine Art Manifest, in dem er sich gegen die Förderung von Frauen im Unternehmen wendet. Er begründet das mit der angeblich biologisch bedingten Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern. Spätestens seit der Mitarbeiter dafür entlassen wurde, beklagen Männerrechtler und Frauenfeinde Seite an Seite einen Fall von Diskriminierung: Bei Google herrsche eine „ideologische Echokammer“.

In der Diskussion wird allerlei behauptet: Das Manifest könne gar nicht sexistisch sein, schließlich beginne es mit den Worten „I value diversity and inclusion“. Das ist ungefähr so stimmig wie die Meinung, eine Aussage könne nicht rechtsradikal sein, wenn sie mit „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ beginnt.

Wie sexistisch der Text ist, wird deutlich, wenn man das Wort „Frau“ darin durch „Schwarze“ ersetzt und „Männer“ durch „Weiße“. Niemand außer vielleicht Bernd Höcke würde dann noch bestreiten, ein rassistisches Pamphlet vor sich zu haben.

Weiterhin heißt es, der Text sei nicht diskriminierend, weil der Autor sich auf wissenschaftliche Fakten berufe. Das ist hoch problematisch. Beobachtet man die Publikationen in diesem Bereich, ergibt sich ein gespaltenes Bild. Es gibt durchaus Resultate, die biologische Unterschiede etwa im Gehirn zwischen Männern und Frauen belegen. Allerdings kann niemand sagen, ob diese genetisch bedingt sind, oder im Zusammenspiel mit der Plastizität des Gehirnes daher kommen, dass Frauen in den westlichen Gesellschaften anders sozialisiert werden als Männer. Ein großer Teil der Forscher ist außerdem der Ansicht, dass solche Unterschiede statistisch bestehen, jedoch individuell anhand eines Gehirnes nicht gesagt werden kann, ob es weiblich oder männlich ist. Es gibt also keine seriöse Basis dafür, Männer zu bevorteilen, wie dies zum Beispiel beim Gender Pay Gap der Fall ist. Und wenn es sie gäbe, würde das die humanistische Basis in Frage stellen, nach der alle Menschen gleich behandelt werden müssen.

Zuletzt die Entlassung: Da haben die Frogs wieder einen Märtyrer gefunden, der angeblich wegen seiner freien Meinungsäußerung entlassen worden sein soll. Niemand weiß wirklich, was bei Google abgelaufen ist und ob es ein klärendes Gespräch, eine Abmahnung oder ähnliches gab und ob der Mitarbeiter schon vorher aufgefallen ist. Die Verantwortlichen bei Google werden das auch ganz sicher nicht in der Öffentlichkeit ausbreiten, schon um die betroffene Person zu schützen. Allerdings ist es vollkommen korrekt, Mitarbeiter abzumahnen und auch zu feuern, die in ihrer Arbeitszeit firmenintern politische Pamphlete verbreiten, in denen sie pauschal einen großen Teil der Belegschaft aus angeblich biologischen Gründen für unfähig erklären. In Deutschland liefe das unter „Störung des Betriebsfriedens“.

Hitchhiker’s Guide to Feminism (Teil 1 oder Einleitung oder so)

tl;dr: Ich habe vermutlich Langeweile und will ein paar Maskutrolle ärgern.

Bildschirmfoto 2013-07-25 um 19.25.32

Dem Feminismus begegnete ich früher mal mit Schulterzucken und leichter Ablehnung. Ich empfand ihn als gestrig. Was Feminist_innen beklagen, entsprach einfach nicht meiner Lebensrealität. Ich bin doch gar nicht frauenfeindlich, möchte doch selber Gleichberechtigung. All die Anklagen und Vorwürfe: das kam in meinem Alltag nicht vor und klang bisweilen hysterisch. Es überrascht mich nicht, wenn Männer (und Frauen) deshalb mit Abwehrhaltung reagieren. Dazu noch den einen oder anderen ZEIT-Artikel über fehlende männliche Vorbilder in Grundschulen voller weiblicher Lehrerinnen oder Väter, die für das Recht kämpfen müssen, ihre Kinder zu sehen – und fertig ist der Maskulist und und vielleicht gar Frauenfeind.

Dieses Schicksal ist mir zum Glück erspart geblieben. Irgendwann fing ich an, mich am Rande mit Feminismus zu befassen (sehr hilfreich dabei: das Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ von Antje Schrupp). Schuld war der Eintritt in die Piratenpartei und der dort immer wieder aufflammende Streit um Feminismus. Ihm wurde eine Ideologie des „Postgender“ entgegengesetzt. Unterschreibe ich sofort: Es ist toll, wenn wir uns alle gegenseitig einfach wie Menschen behandeln, ohne auf das Geschlecht zu schauen. Der Witz ist nur: Genau das wollten die Feminist_innen von Anfang an: Gleichberechtigung und Gleichbehandlung. Postgender ist also eine Nebelkerze. Meiner Erfahrung nach wird sie von Maskulisten und Antifeministen benutzt, um ihr frauenfeindliches Weltbild zu verschleiern, und von wohlmeinenden Menschen aufgegriffen, die Feminismus mit Männerhass verwechseln.

Die Heftigkeit, mit der Feminist_innen in der Piratenpartei bekämpft wurden, hat mich erst so richtig auf das Thema aufmerksam gemacht. Da passierte etwas, was in meinem Alltag sonst nicht vorkommt. Das war kein politischer Diskurs: Maskulisten zogen sämtlicher Register von Beleidigung bis Trollerei, um Femnist_innen oder oft auch einfach nur Frauen zu mobben. Keine Anspielung auf Äußerlichkeiten wie Kleidung oder Brüste war zu plump, um nicht vom irgendwem getätigt zu werden. Viele Piraten erschienen mir weniger postgender als vielmehr pubertär. Das vergiftete Klima war sogar Anlass für meinen vorübergehenden Austritt: Ein Admin baute ungefragt einen Filter in die Kommuniaktionskanäle ein, der automatisiert gegenderte Formen wie das „*“ durch die maskuline Form zu ersetzt. Dabei ist gegenderte Sprache nichts weiter als der Versuch, tatsächlich „postgender“ zu sein und Menschen sprachlich nicht mehr nach Geschlecht zu unterscheiden, wo dies nicht nötig ist.

Ein beliebtes Sujet im unnötigen Piratenkrieg der Geschlechter ist das Schimpfwort „Sexist“. Der scheint oft von Leuten zu kommen, die gar nicht so genau wissen, was Sexismus eigentlich ist. Sexismus hat nichts mit Sex zu tun. Es geht nicht darum, ob irgendwelche Darstellungen, z.B. in der Werbung, zuviel Sex enthalten, sondern darum, dass Menschen nach ihrem Geschlecht (Englisch: „sex“) unterschiedlich dargestellt oder behandelt werden. Wenn irgendwo ein „Sexistische Kackscheiße„-Aufkleber drauf ist, dann weil Frauen abwertend dargestellt werden. (Ich weiß, das ist eigentlich Allgemeinbildung, aber die Erfahrung nötigt mich, das an dieser Stelle nochmal klar zu sagen.)

In die Realsatire gleitet die Debatte immer dann ab, wenn Maskulisten behaupten, Feministen seien ja selber sexistisch, wenn sie ihre Forderungen formulieren. Das ist wirklich lustig, denn feministische Forderungen zielen ja auf Gleichbehandlung, also auf die Vermeidung von Sexismus, während das Auftrennen in Maskulisten und Feministen nur neuen Sexismus produziert.

Ja, (Karriere-)Männer müssen um ihre Jobs bangen, wenn Frauenquoten zu erfüllen sind. Eigentlich ist das nur ein Verlust von Privilegien, die ihnen aufgrund ihres Penis zuerkannt wurden, aber Maskulisten wittern Diskriminierung: Schließlich seien die Frauen ja selber schuld, wenn sie nicht genauso hart an ihrer Karriere und Qualifikation arbeiten. Dabei übersehen sie, dass es die gesellschaftlichen Umstände sind, die Frauen genau das erschweren. Muss man sich mal klar machen: Frauen seien also selber schuld, dass sie weniger erfolgreich Karriere machen als Begründung dafür, es Frauen zu erschweren, Karriere zu machen. Ihr merkt es selber, oder?

Oft wird gesagt, Frauen wählen die falschen Jobs und entscheiden sich dann im Zweifel für ihr Kind und Teilzeit. Ich glaube nicht mehr, dass das am XX-Chromosom liegt, sondern eher an der Sozialisation. Barbie-Puppen und Action-Figuren, Pferdezeitschriften und Mickey Mouse, Spielekonsole und Schminkregal: Die Gesellschaft gibt sich wirklich viel Mühe, uns die Rollenbilder anzuerziehen, die wir eigentlich doch überwinden wollen. Ein Stück weit ist die Einstellung zum Feminismus sicher auch eine Altersfrage. An Schulen und Unis sind Frauen etwa gleich erfolgreich (je nach Fach), an die berühmte Gläserne Decke stoßen sie erst, wenn sie im Berufsleben stehen und vielleicht auch noch Kinder haben. Die meisten merken das erst so richtig, wenn sie über 30 sind und viele Leute in meiner Umgebung sind mit zunehmenden Alter feministischer geworden.

Eigentlich wollte ich über einen tendenziösen FAZ-Artikel schreiben, über Rape-Culture, Victim-Blaming und vielleicht noch über Kachelmann. Aber diese „Einleitung“ ist so lang geworden, dass ich sie erstmal so stehen lasse. Die Tage dann.

Update:

P.S.: Noch so eine Plattitüde kleiner Geister: Feminismus sei ja für Frauen, sonst würde er nicht so heißen. Der Name kommt daher, dass zu Zeiten der Frauenrechtsbewegung Frauen so krass diskriminiert wurden, dass er sich zwingend ergab. Wer denkt, Feminismus sei „Anti-Männer“ sollte sich das ganze nochmal in Ruhe bei einem Glas Bier erklären lassen.

P.P.S.: Spannend ist, dass das Postgender-Konzept aus dem Cyborg-Manifesto stammt. Die Visionäre waren der Ansicht, wenn wir unsere Körper modifizieren, können wir auch unser Geschlecht modifizieren. Das ist aber nicht „Postgender“ sondern eher „Postsex“. Klingt für viele nicht so erstrebenswert, daher der Begriff Postgender. Heute bezieht er sich auf das soziale Geschlecht.

P.P.P.S.: Ein schöner Zufall ist, dass mein Blog „Die Ennomane“ heißt, obwohl ich männlich bin. Ich mag dieses Spiel mit Geschlechterzuordnungen. Als der Name entstand, hatte ich damit aber noch nichts am Hut. Das Möbelstück im Logo heißt halt „die Ottomane„. Und ich eben nicht Otto sondern Enno.

Rape Culture

 

tl;dr Here be triggers.

Der Chaos Computer Club mitsamt seinem jährlichen Kongress ist ja so eine klassische Jungsveranstaltung, auf der es gelegtlich auch Probleme mit Sexismus gibt, die vor allem deshalb nur selten ausarten, weil der typische CCC-Nerd für sich genommen meistens ein recht friedfertiges Wesen ist. Trotzdem gab es immer mal wieder Vorkommnisse, weshalb sich Feministen für einen Hack entschieden: So genannte Creeper Cards wurden verteilt. Wer der Meinung war, Opfer eines verbalen oder gar physischen Übergriffes geworden zu sein, überreicht dem „Täter“ einfach wortlos eine solche Karte, um das zu signalisieren. Weitere Diskussionen vor Ort sind nicht unbedingt nötig, die Handlung ist auch Personen möglich, die sonst vielleicht Schwierigkeiten haben, sich zu äußern. Eigentlich sollte das Konzept Hackern sehr entgegen kommen, arbeitet es doch wie eine Funktion in Programmiersprachen: Ein Input führt zu einem klaren Rückgabewert. Danach heißt es debuggen.

Komischerweise waren aber ein paar der Anwesenden nicht besonders begeistert von den Creeper Cards. Dass (teilweise sexistischer) Schabernack mit den Karten getrieben wurde, finde ich noch gar nicht mal so schlimm. Dinge mit (schwarzem) Humor zu nehmen, ist selten verkehrt. Aber zu leugnen, dass es das Problem überhaupt gibt oder sich gar bedroht und belästigt zu fühlen, nur weil Frauen darauf bestehen, nicht schlechter behandelt zu werden als Männer, weshalb sie versuchen, dieses mit einem Hack deutlich zu machen, hat mich dann doch gewundert. Zu behaupten, der CCC sei halt männlich-pubertär ist keine befriedigende Erklärung. Meine These ist, dass Hacker zwischen guten und bösen Hacks unterscheiden. Der gute Hack ist jeder Hack, den ein Hacker ausführt. Ein böser Hack, ist jeder andere Hack, der sich gegen selbigen Hacker richtet. Er ist also als Angriff zu sehen und muss unter allen umständen und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln abgewehrt werden.

Wie sehr sich manche Leute auf dem 29c3 offenbar von Feministen belästigt fühlen, zeigt ein Blogpost, der sich gegen so genannte „Extremfeministen“ wendet. Demzufolge haben Feministinnen auf dem 29c3 ihr Unwesen getrieben, indem sie zur Information gingen und die dort anwesenden Männer verwirrten, die sich besonders Leicht von Frauen um den Finger wickeln lassen, da es sich um männliche Nerds handele. Diese Feministinnen haben dies getan, schreibt die Autorin, weil sie eifersüchtig seien, dass ein paar bekiffte Coder trotz mangelnder Sozialkompetenz so etwas wie den 29c3 auf die Beine gestellt haben. Es könnte sich so zugetragen haben. Ich halte das trotzdem für eher unwahrscheinlich.

Der Text ist also ein eigentlich irrelevanter Blogpost, auf den ich mich aus einem anderen Grund beziehe: Die Autorin schreibt, dass ihre Sozialisation dazu geführt habe, dass sie es heute durchaus angenehm finde, wenn Männer ihr in den Mantel helfen. Die traurige Passage:

Ich bin auch unter dem Motto erzogen worde, lasse eine Frau im Dunkeln niemals allrin draussen herumlaufen. Uns wurde eingebläut, immer nur in Gruppen zu laufen oder uns aber eine männliche Begleitung zu suchen. Den Jungs wurde eingebläut, Mädels im Dunkeln zu begleiten.

Das ist RapeCulture in Reinform. Ich bin auf Twitter kritisiert worden, dass ich es so nenne, weshalb ich das hier nochmal näher erklären möchte: RapeCulture heißt nicht, dass alle Männer vergewaltigende Monster seien. RapeCulture bedeutet, dass Frauen einen bestimmten Verhaltenscodex einhalten müssen, wie zum Beispiel nicht alleine im Dunkeln zu gehen und sich einen männlichen Begleiter zu suchen.

Kommt es wirklich zu einer Vergewaltigung, wird der Frau die Schuld gegeben, sobald sie diesen Kodex verletzt. (Und für manche Leute sind Frauen, die den Kodex verletzen, Schlampen und Freiwild, die ruhig belästigt werden dürfen.) Stößt einer Frau, die den Kodex nicht eingehalten hat, etwas zu, heißt es, sie habe sich nicht genug gewehrt. Sie sei selber Schuld gewesen, alleine diesen dunklen Weg gegangen zu sein. Warum habe sie überhaupt diesen Minirock und Fickmich-Schuhe getragen? Würde einem Mann ähnliches gesagt, wenn er Opfer einer Gewalttat wird – wir würden das absurd nennen und uns empören.

Bei Frauen tun wir das seltsamerweise nicht konsequent. Auch heute. Auch hier in Deutschland. Deswegen gehen übrigens Frauen jeden Sommer zum Slutwalk, auf die Straße und rufen „No means no“. Das finden wir gerne sympathisch, ohne weiter darüber nachzudenken, worum es den Frauen eigentlich geht. Sie haben die Schnauze voll davon, sich an einen Kodex halten zu müssen, der nur für Frauen gilt und bei Verletzung Übergriffe von Männern zur Folge haben kann. Mit latzhosigem 70er-Jahre-Emma-Feminismus hat das ganze nichts zu tun.

Leider gibt es furchtbar viele Männer, die sich selbst (meist zurecht) als Good Guy sehen und Frauen, welche die alte Rollenverteilung komfortabel finden. Sie meinen, nur weil sie selbst sie nicht wahrnehmen, existiere die Rape Culture gar nicht und der Begriff sei übertrieben. Hört einfach den Frauen zu, die anderes berichten. Und denkt bitte darüber nach, ob es einen Grund haben könnte, wenn ihr eine rote Creeper Card in die Hand gedrückt bekommt. Und ob der Grund wirklich zwangsläufig ist, euch zu ärgern.

Eine sehr gute Beschreibung, was Rape Culture eigentlich ist, gibt es hier.

Disclaimer: Ich war nicht auf dem 29c3 wie ich auch noch nie vorher auf einem der CCC-Kongresse war, weil ich den Termin zwischen den Jahren höchst unglücklich finde. Außerdem bin ich ein heterosexueller Mann und lasse mir allgemein eher nicht besonders gerne in den Mantel helfen. Ich weiß also nicht wovon ich schreibe, und habe gar kein Recht, diesen Blogpost zu veröffentlichen.