Nomaden der Lüfte

9. Mai 2002, Scala, Lüneburg

Wenn die Graugans auf die große Reise geht, ist normalerweise ein betulich-entspannender Fernsehabend à la Sielmann angesagt. Wenn die Kamera ihr jedoch unter Brücken und durch Täler folgt, ist es fast schon ein wenig wie Star Wars. Bedenkt man dann noch, dass echte Tiere in freier Wildbahn gefilmt wurden, ist das Ergebnis geradezu sensationell.

Wirklich nicht umsonst hält sich diese französische Tierdoku seit Wochen in den Top-Ten der Kinocharts. Doch halt: Eine Doku ist es eigentlich nicht, genauso wenig eine dieser Tiere personifizierende Disney-Kitschproduktionen, sondern irgendwas dazwischen, das in kein Genre passt. Der Film begnügt sich mit spärlichen Texteinblendungen und noch seltener gesprochenen Kommentaren. Stattdessen gibt es eine lange Reihe von wundervollen Naturaufnahmen mit außerordentlich entspannendem und meditativem Charakter.

Aufregend ist „Nomaden der Lüfte“ dennoch, zumindest für den Cineasten. So (fast) ganz ohne Computer und doppelten Boden die Vögel aus allen möglichen und (scheinbar) unmöglichen Perspek-tiven zu zeigen, ist eine filmische Meisterleistung, die zurecht eine Reihe von Preisen nach sich zog. Die Bilder lassen mal schmunzeln, sind mal majestätisch, rauben bisweilen den Atem und langweilen nur selten. Wenn Vogelschwärme sich unter Wolken mischen oder Fluganordnungen sich in der See spiegeln, schlägt das Herz jedes Ästheten mit Sinn fürs bewegte Bild höher.

Wobei „Nomaden der Lüfte“ durchaus nicht perfekt ist. So brillant die Kamera, so holprig bisweilen der Schnitt. Auch wenn man sich Mühe gab, den Bildern einen Rahmen zu geben und einen Bogen über Jahres-zeiten und Länder zu spannen, dabei gar nichts aussparte, auch nicht die Jäger, die die Zugvögel unterwegs vom Himmel schießen: Der Film ist für diese Art des Inhaltes und die Darstellung schlicht zu lang und man ertappt sich irgendwann beim Blick auf die Uhr.

Frankreich/Spanien/Deutschland, 99 min
Regie: Jacques Perrin

Dünemark

In Legoland ist alles winzig, besonders das Legoland selber. Riesig ist der Strand. Ich habs nachgemessen. Er reicht genau von Horizont zu Horizont. Das Meer reicht auch bis zum Horizont. Nur die Dünen nicht, die reichen bis zum Ferienhaus. Da stand mein Auto und verwandelte sich langsam in eine Düne, während die Löwin sich in den Wind stemmte und Finchen und Charly Steine ausbuddelten. Deutsche Banken wechseln keine Kronen, wenn sie nicht aus Papier sind. Alles egal, wenn die Luft salzig ist und nach Tang riecht und es in der Nacht am Strand nie wirklich dunkel wird.

From Hell

4. Mär 2002, Kinopolis, Hamburg

Johnny Depp hat als kotelettenbewehrter Dandy des ausgehenden 19. Jahrhunderts opium- und absinthschwere Visionen voller Blut und Gemetzel. In stroboskopartig aufblitzenden Bildern zischen Messer durch die Luft und fliegen Blutspritzer umher. Als die erste Prostituierte grausam zugerichtet aufgefunden wird, ist nicht nur klar, dass diese Visionen nicht nur einfach Bilder eines Drogenrausches waren. Im Herbst 1888 beginnt in London die erste von der Boulevard-Presse gehypte Massenhysterie. Und ein Mythos ist geboren: Jack the Ripper.

Bald ist Johnny Depp alias Inspektor Abberline auf der Suche nach dem Geheimnisvollen Mörder. Das Puzzlespiel führt durch ein London voller Dreck, Suff, Syph und Abgründe. Wir begegnen der Queen und ihrem Hofstaat genauso wie verlebten Huren in zwielichtigen Kneipen. Und nicht nur erzählerisch sondern auch visuell zeigt der Film in genial komponierten Bildern wie marode und innerlich dekadent das Weltreich ist, dessen Niedergang sich allmählig am Horizont abzeichnet. Dabei werden alle Register gezogen: London und sein Stadtteil Whitechapel erscheinen als Menagerie aus Elephantenmensch und Dandy, Hure und Adel, Menschlichkeit und Snobismus, vordergründiger Rechtstaatlichkeit und tiefer Doppelmoral, Freidenkertum und Freimarerei, Juden und Huren.

Gewohnt gekonnt verkörpert Johnny Depp den weltabgewandten Romantiker, der hier ein Leben als eine Art „Ur-Hippie“ führt. Die Ähnlichkeiten zur Rolle in „Sleepy Hollow“ sind nicht zu übersehen und Johnny Depp sollte allmählig Sorge tragen, dass er nicht in den ewig gleichen Rollen verkommt, wie es John Wayne oder Humphrey Bogart passierte. Dass man ihn in dieser Rolle ein weiteres mal akzeptiert und faszinierend finden kann, liegt aber nicht nur an der schaurig-schönen Geschichte sondern auch an den vorzüglichen Darstellern. Zum Beispiel Robbie Coltrane als gutmütig dickbäuchiger Polizeikollege auf der Verbrecherjagd. Oder Ian Richardson als humorloser und steifer Polizeichef, der schonmal Beweismittel vernichten lässt, wenn dies zu seinen Absichten passt, und ansonsten wenig Anstoß an den Taten Jach the Rippers nimmt, solange er dafür sorgt, dass ein paar Huren weniger die Straßen bevölkern. Und gewohnt erstklassig Ian Holm (zuletzt als Bilbo in „Herr der Ringe“) als alternder Chirurg und Leibarzt der Royals.

Wunderschönes Design, brillante Regie, hervorragende Darsteller virtouse Kameraarbeit schreien alle zusammen nach der perfekten Story für ein perfektes Meisterwerk und genau hier hapert es doch ein wenig. Nicht nur dass gerade Inspektor Abberline als Hauptcharakter trotz aller Drogeneskapaden seltsam farblos und uninteressant bleibt, und der Geschichte unter dem vordergründigen Puzzlespiel wenig Tiefe besitzt. Der Filmfan kann sich mit der Zeit schon ein wenig ärgern, dass „From Hell“ im Grunde nichts weiter als ein klassischer Cop-Film mit toller Staffage aber ansonsten den üblichen Versatzstücken ist. Völlig egal, ob London 1888, Chicago 1938 oder Los Angeles 1995 – Cops kämpfen gegen korrupte Vorgesetzte, werden von Gangstern zusammengeschlagen, im dramaturgisch besten (also heute doch langsam witzlosesten) Moment vom Dienst suspendiert usw. – musste das wirklich sein? „From Hell“ hätte es ausgesprochen gut getan, wenn der Fortgang der Geschichte auch in seinen Details genretypisch verlaufen wäre und Johnny Depp etwas mehr Sherlock Holmes und etwas weniger ein umgetopfter L.A.-Cop gewesen wäre.

Ein weiterer Kritikpunkt: Was taugt eine opulente Optik, wenn sie reiner Selbstzweck ist? Seit den frühen 1990er Jahren hat sich ein dreckig-ekeliger Stil herausgebildet, der mit matten Farben und extremen Kontrasten spielt, den Himmel schonmal blutrot färbt und mit vorliebe bröckelndes Putz und verrottendes Laub als Hintergrund verwendet. Egel ob „Seven“, „Interview mit einem Vampir“, „Dracula“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ – dieser Stil war einst innovativ – ist aber heute eher ein Manierismus. Und könnte schon sehr bald einfach eine neue Form von Kitsch sein.

Die Kritikpunkte klingen härter, als sie gemeint sind: „From Hell“ ist trotz allem ein nicht nur visuell außerordentlich schauriger Genuss und eine wundervolle Hommage an die alten Horrorfilme der Hammerstudios, an Vincent Price und Edgar-Allen-Poe-Trash. Und „From Hell“ befindet sich erzähltechnisch wie visuell vollkommen auf der Höhe der Zeit und ist sicher einer der besseren Filme des Jahres. Außerdem ist er zumindest über weite Strecken very british – Charles Dickens auf Drogen sozusagen.

USA 2001, 122 min
mit Johnny Depp, Heather Graham, Ian Holm, Robbie Coltrane, Ian Richardson, Jason Flemyng, Katrin Cartlidge, Terence Harvey, Susan Lynch, Lesley Sharp, Annabelle Apsion, Bryon Fear
Regie: Albert Hughes, Allen Hughes

Italienisch für Anfänger

9. Feb 2002, Scala, Lüneburg

Die Hölle, das kann für machne ein Eiscafé im November sein. Vielleicht auch die eigene Familie. Oder ein Italienisch-Kurs für Anfänger an der Volkshochschule. Von mir aus auch ein Film, der nach dem „Dogma“-Manifest gedreht wurde. Jedenfalls gibt es auch Filme, die zeigen, dass auch die alltägliche kleine Hölle etwas sehr liebenswertes sein kann.

Im nämlichen Italiensich-Kurs befinden wir uns. Entweder sofort oder aber mit der Zeit trudeln dort eine Reihe von Menschen ein, die aus den unterschiedlichsten Beweggründen kommen. Zum Beispiel der sanfte Jørgen, der im Management arbeitet, für das er so gar nicht geschaffen scheint, und heimlich die hübsche italienische Küchenhilfe Guilia liebt (bei der mensch sich wirklich fragt, wohier sie nun eigentlich ihre Schüchternheit und Unsicherkeit nimmt, bei ihrem Aussehen…)

Oder aber Olympia, die von ihrem Vater tyrannisiert wird und alles, was sie in die Hand nimmt fallen lässt. Spiegelbildlich Karen, die ruhige, durchaus gestanden wirkende Frau, deren todkranke Mutter immer wieder die Gäste aus dem Frisörsalon vergrault. Und nicht zuletzt der gemütvolle Pfarrer Andreas, zu dem sich besonders die Frauen immer ein wenig hingezogen fühlen, der aber trotzdem zumindest während des Drehbuchs keine abbekommt. Und natürlich auch Fußball-Macho Hal-Finn, der solange die Gäste „seines“ Eiscafés beleidigt, bis er vom Inhaber gefeuert wird.

Alle haben irgendwie miteinander zu tun, und man muss nicht groß erklären, dass es vergnüglich wird, zu beobachten, was passiert, wenn diese Alltags-Verlierer im Kurs aufeinander treffen. Mit viel Humor, Blick fürs Menschliche aber auch einer Lakonik, die nur von den Coen-Brüdern übertroffen wird, erzählt Lone Scherfig deren Geschichte. Heimlicher Liebling ist dabei der leicht schmierig-galante Italienisch-Lehrer Marcello, dessen Auftritt leider viel zu kurz ausfällt.

All die kleinen Missverständnisse, Gespräche, ausfallende Kurse und Beerdigungen und Trauerfeiern, zu denen immer die falschen Gäste erscheinen, machen zwar wirklich Spaß, passen aber nicht so recht zu einem Film im Dogma-Stil. Auch wenn die Kamera weniger händisch geführt wird, als von dieser Reihe gewohnt, so wünscht sich der Zuschauer doch, gelegentlich auch mal visuell oder musikalisch stärker in die Welt der kleinen Romanzen entführt zu werden. Vorgemacht hat es „Lang lebe Ned Devine“ – in diesem Stil gedreht, wäre „Italienisch für Anfänger“ ein Klassiker geworden.

So sorgt die trockene Umsetzung für die eine oder andere Länge, aber dennoch kann man sich ein wenig in der kleinen Welt dieser Menschen verlieren. Kein großes Kino, kein großes Meisterwerk, aber ein sehr hübsches und trotz allem kurzweiliges Portrait von Menschen wie du und ich.

Dänemark 2000, 118 min
mit Anders Wodskou Berthelsen, Ann Eleonora Jörgensen, Anette Stövelbaek, Peter Gantzler, Lars Kaalund, Sara Indrio Jensen, Elsebeth Steentoft, Rikke Wölck, Karen-Lise Mynster, Bent Mejding, Lene Tiemroth, Jesper Christensen
Regie: Lone Scherfig

Schwer verliebt

31. Jan 2002, UCI SmartCity, Hamburg

Hal ist ein ziemlich oberflächlicher Typ, der sich bei Frauen eigentlich nur für Oberweite und derlei Dinge interessiert. Da trifft es sich günstig, dass er mit einem Guru im Fahrstuhl steckenbleibt, der ihn kurzerhand hypnotisiert. Eigentlich sollte ihm das nur ein wenig helfen, die „innere Schönheit“ zu beachten, aber fortan sieht Hal überall da grazile Meerjungfrauen, wo andere etwas sehen, das Greenpeace-Aktivisten ins Meer schleppen, wenn sie es am Strand finden…

Anders gesagt: Für Hal gilt in Zukunft die Devise: Fat is beautiful. Und ab 150 Kilo kommt er erst so richtig in Fahrt: Er verliebt sich unsterblich in die Tochter seines Chefs, und natürlich kommt es, wie es kommen muss: Hal macht sich furchtbar lächerlich, die monströse Grazie fühlt sich zunächst recht verarscht (später ist sie aber recht glücklich, dass sich ein Lover zu ihr ins Bett traut) und last not least denken die Kollegen, er wolle nur einen besonders miesen Karrierezug absolvieren.

Damit wäre die (unfreiwillige?) Kernaussage des Filmes bereits getroffen: Wer fortan im Leben ein netter, in die Tiefe gehender Mensch ist, dürfte auf ein ordentliches Maß an Ablehnung stoßen. Vermutlich sollte die Aussage eine andere sein: Dass nämlich nicht das Aussehen zählt, sondern die inneren Werte. Dumm nur, dass dieser edelmütige Idealismus massiv torpediert und restlos versenkt wird mit Gags auf Kosten wohlbeleibter oder sonstwie hässlicher Mitbürger

Was bleibt, ist neben einer Freakshow von Gürtelrose und Orangenhaut eine typische Farrelly-Komödie („Verrückt nach Mary“) mit derben (aber oft auch treffenden, komischen, jedenfalls angenehm politisch unkorrekten) Witzen über hässliche Menschen, die über weite strecken ungewohnt ruhig und romantisch ausfällt. Spaß macht auf jeden Fall Gwyneth Paltrow als 150-Kilo-Frau. Ausgerechnet sie. Das hat was.

USA 2001, 114 min
mit Gwyneth Paltrow, Jack Black, Jason Alexander, Joe Viterelli, Rene Kirby, Bruce McGill, Tony Robbins, Susan Ward, Zen Gesner, Brooke Burns, Rob Moran, Joshua Li’iBoy Shitani
Regie: Bobby Farrelly, Peter Farrelly

Mr. Undercover

16. Jan 2002, UCI SmartCity, Hamburg

Der Mafia-Clan Romano ist in argen Nöten und versucht, einen Sohn ins FBI einzuschmuggeln. Damit das ganze nicht auffliegt, handelt es sich um Corky, dem schusseligen Dämling, der denkt, sein Vater sei Landschaftsdesigner. Noch dümmererweise ist Corky eine totale Niete. Aber dämlichsterweise ist auch der ihn darstellende Schauspieler eine.

Man kann es sich gut vorstellen, wie dämlich sich Corky beim FBI anstellt, was er z.B. mit konfiszierten Kokainpaketen anstellt oder wie das aussieht, wenn er Nahkampfunterricht hat. Da Corky ungemein dumm und naiv ist, überlebt er natürlich alle Widernisse spielend und erledigt aus Versehen eine Reihe von lang gesuchten Kriminellen. All das könnte ziemlich spaßig sein, wenn nicht Drehbuch, Regie und Hauptdarsteller mindestens ebenso dämlich wie ihr Protagonist wären und alles verderben.

Fazit: Möchtegern-Billigst-Jerry-Lewis-Verschnitt mit wenigen einsamen Lachern und viel Klamauk. Und eine detailliertere Kritik einfachnicht wert.

USA 2001, 85 min
mit Chris Kattan, Vinessa Shaw, Peter Falk, Peter Berg, Chris Penn, Fred Ward, Richard Roundtree, Matthew Glave, Roger Fan, Dave Sheridan, Michael Massee, Vincent Pastore
Regie: Rob Pritts