Weihnachten

In den Kaufhäusern herscht wieder diese schwül-suizidale Weihnachtsstimmung. Jingle-Bells mit per Backwards-Dubbing hinterlegtem Kill yourself. Wenigstens springt Harry Potter mich nicht mehr von jeder Littfass-Säule an sondern die Herren der Ringe, auf die ich mich natürlich ganz besonders freue. Bei der Bank habe ich mir heute €10,53 gekauft. Werde das Geld gleich am 1. Januar ausgeben, bevor die Hyperinflation einsetzt. Noch nie war Weihnachten so monetär. Werde meine Bank fragen, ob die mein Konto statt in Euro auch in Schweizer Franken umstellen können.

Wendland-Weekend

Zunächst war ich mit Bernds bemerkenswertem Telefon beschäftigt, dessen Konfiguration komplexer ist als die eines Linux-Kernels. Es folgten ein Aldi-Notebook mit Windows XP und ein digitaler Camcorder und die bittere Erkenntnis, dass sich beide nicht irgendwie zusammenstecken lassen. Entschädigt wurde ich durch Reihe von Rosenstraßen-Cappuchinos und Reginas fantastische Schwarzwurzeln mit grandioser heller Soße, mehligen Kartoffeln und leckerem Geflügel, die dafür sorgten dafür, dass sich meine Papillen weiteten. Oder wie heißen diese Dinger auf der Zunge nochmal? Wegen des leckeren Essens und der Anwesenheit meines orienttepicheverkaufenden Lieblingsexnachbars kam ich dann zu spät zu Harry Potter und musste mich mit einem Klappstuhl begnügen, obwohl ich eigens gestern bei Tom angerufen und eine Karte reserviert hatte. Harry Potter war übrigens ein netter Kinderfilm – aber mehr auch nicht. Danach gings (was sonst!) ins Luci, wo es wieder richtig gut wurde, als die meisten weg waren und Metal in die CD-Player kam. Mone erzählte mir, dass es in der unmittelbaren Nähe eines Castor-Behälters eine spürbare Hitze gebe. Verkniff mir die Bermerkung, dass ich – wenn dem so ist – so ein Ding derzeit ganz gerne unter meinem Bett hätte.

Schaumstoff ist scheiße

Finsterer Novemberabend. Mit etwas Fantasie kann sich jeder ausmalen, wie das sich das anfühlt, in einen auf dem Bürgersteig herumliegenden Schaumstoffquader zu treten, den man vorher nicht sieht. Das ist mir gestern passiert. Der Schreck war wie üblich, aber ich fühle mich um das verlegene und auffällig unauffällige Schuhabstreifen betrogen. Politische Forderung für den Fall eines eventuellen Parteiengagements vormerken: Schaumstoffteile sollen ab sofort gesellschaftlich und rechtlich mit Hundekot gleichgesetzt und entsprechend verfolgt werden. Aber vielleicht regelt das ja schon der Schill.

Last days of Lucifer

Gott ist tot. Lucifer bald auch. Jedenfalls die gleichnamige wendländische Discothek. Schade, extrem schade. Westlich des Ural gab es kaum einen Ort, wo man nach jahrelangem Rock-Disco-Sterben noch so gut abhotten konnte. Seis drum: Die Bikerparty dieses Wochenende war der Hammer. Und ich fühle mich heute wie zwischen selbigem und Amboss. Nur gut, dass ich wegen der 110 km Heimfahrt auf Alk verzichtet habe. An alle Techno-Hasser, die es nicht weit ins Wendland haben: Fahrt hin, solange es noch geht! DanFun hat dann noch ein Persönchen abgeschleppt, aber soweit ich in Erfahrung bringen konnte, weder kleine Inder noch CDU-Mitglieder gezeugt.

Die Börse: ein Reich der Phantasie

Vor noch einem Jahr erzielten bestimmte Aktien groteske Phantasiewerte. Heute fallen auch andere Aktien in ebenso groteske und phantastische Untiefen. Meine aufrichtige Hochachtung gilt aber den Börsenjournalisten, die die seit Wochen und Monaten immer gleichen Schreckensmeldungen in immer neue Worthülsen fassen müssen.

SPIEGEL-ONLINE:

  • 19.9. Märkte brechen ein – Deutsche Bank stürzt
  • 18.9. Kreditwürdigkeit hat gelitten
  • 17.9. Dow Jones – schwerster Punktverlust in der Geschichte
  • 14.9. Dax verliert kräftig
  • 13.9. Terroranschlag lähmt Weltkonjunktur
  • 12.9. Die Unsicherheit bleibt
  • 11.9. DAX verliert über 9 Prozent
  • 10.9. Börsenschluss: Die Angst regiert
  • 07.9. Nackenschlag aus New York
  • 06.9. Normalität heißt abwärts
  • 05.9. Nemax 50 auf Allzeittief
  • 04.9. Der kurze Frühling der Hightech-Titel
  • 03.9. DAX auf Jahrestief
  • 01.9. Von wegen großer Bruder
  • 31.8. Depression zum Wochenschluss
  • 30.8. Neuer Markt im freien Fall
  • 29.8. Comeback des Sparbuchs
  • 28.8. US-Verbraucher schicken Börse auf Talfahrt
  • 27.8. Schwache Wall Street drückt auf die Kurse
  • 24.8. Die Vorgaben der Wall Street für den Freitag sind wenig erfreulich.
  • 23.8. Breitband wird kein Geschäft
  • 22.8. Börsenflaute: Teure Lektion für Kleinanleger
  • 21.8. T-Aktie reißt DAX ins Minus
  • 20.8. Aktien: Russisches Roulette

Jeden Tag neue Kleider für den Kaiser – eine bemerkenswerte Leistung. Die Redakteure des SPIEGEL sind aber nicht die einzigen. Auch einige andere beweisen eine beachtliche Kreativität:

  • 17.9. Bundeskanzler Schröder warnt vor zu viel Pessimismus.
  • 06.9. Finanzminister Hans Eichel hatte seine Wachstumserwartungen für 2001 Anfang August nach unten korrigiert. Sie liegen aber noch weit über denen des IWF.
  • 04.9. Werner Müller: Drei Prozent Wachstum im nächsten Jahr

In diesem Sinne…

Das Versprechen

17. Okt 2001, Kinopolis, Hamburg

Wenn kleine Kinder misshandelt und verstümmelt in der Landschaft gefunden werden, sorgt das für Schlagzeilen, Verstörung, Wut in der Bevölkerung und hektische Stunden im Polizeirevier. Speziell Polizisten sollten jedoch auf sich acht geben, denn die Jagd nach dem unbekannten, phantomhaften Täter selbst kann auch zu einer zerstörerischen Obsession werden.

„Das Versprechen“ erzählt die Geschichte des alten Mannes bei der Polizei, der seinen letzten Fall löst, obwohl er eigentlich schon pensioniert worden ist. Was für sich genommen schon ein unerträgliches Klischee wäre, ist hier Kern der Handlung – manche Menschen verlieren mit ihrer Aufgabe auch jeden Sinn in ihrem Leben. Basierend auf Friedrich Dürrenmatts Roman „Es geschah am hellichten Tag“, der bereits vor Jahrzehnten mit Heinz Rühmann und Gerd Fröbe verfilmt worden war, sehen wir diesen Niedergang, die allmähliche, komplette Auflösung all dessen, was das Leben lebenswert macht.

Um nicht am Ende zu sein, wird es für Jerry zur totalen Obsession, einen Kindsmörder zu finden und verfolgt zäh und in verbissener Arbeit die geringsten Spuren. Nur oberflächlich scheint er Gedult zu haben, wir sehen ihn als unrasierten Kettenraucher in seiner Tankstelle auf den Mörder wartend, von dem er nur ein ungefähres Bild hat. Nur sehr, sehr langsam ergeben sich neue Fakten. Sehr allmählich gewinnt Jerry das Vertrauen einer Nachbarin, bis er sie schließlich mitsamt Tochter bei sich einziehen lässt.

Wer die Romanvorlage kennt, weiß, dass Jerry das Kind zwar lieben lernt, es vor allem aber als Lockvogel braucht. Moralische Werte verschieben sich, werden gleichgültig bei dieser Jagd auf einen Mörder, der nie greifbar ist. Ein schöner Kunstgriff des Filmes ist, ihn in keiner Einstellung wirklich zu zeigen. Trotz der gelegentlichen drastischen Szenen geht es eigentlich nie um die Jagd an sich, sondern vor allem immer um Jerrys immer grimmiger werdende Obsession, seine Verlorenheit, sein Unvermögen, ein normales Leben zu führen.

Zwischen den oft sehr kurzen Dialogsequenzen setzt Regisseur Jean Penn lange, meditative Natureinstellungen, lässt viel, sehr viel Zeit vergehen, Jahreszeiten verstreichen. Kann man deutlicher darstellen, wie quälend das Warten sein kann, als den Zuschauer selber auf dem Kinosessel zu quälen und den Film in die länge zu ziehen (und zwar ohne eine einzige überflüssige Szene zu zeigen)? – Man kann eigentlich nicht, und neben Jack Nicholsons grandiosem Spiel, neben den Naturaufnahmen zwischen Idylle und Verlorenheit, neben dem zwar vordergründigen aber dennoch sehr intelligenten Plott ist es vor allem diese Langgezogenheit, die allmählig zur Qual wird und den Zuschauer am Ende genauso alleine lässt wie Jerry, der merken muss, dass all sein Tun zweifelhaft, seine Obsession vergeblich war.

„Das Versprechen“ könnte viele Zuschauer maßlos langweilen, ja verärgern. Der Film ist keine flotte, vordergründige Unterhaltung, zeigt aber, dass es manchmal nötig sein kann, den Zuschauer ebenso zu quälen wie die Hauptfigur. Das Thema von Dürrenmatts „Es geschah am hellichten Tag“ setzt er jedenfalls grandios und zwingend um wie selten eine Literaturverfilmung.

USA 2001, 124 min
mit Jack Nicholson, Mickey Rourke, Patricia Clarkson
Regie: Sean Penn

Aktenzeichen XY abgekanzelt

Mit dem doch recht enttäuschenden Ergebnis des Schlichtungstermins kann ich vor allem nur deshalb leben, weil ich sowieso fahren musste, um meine alte Wohnung weiter auszuräumen. Habe aber weder Zeit noch Geld noch Lust und auch keine Nerven, einen Prozess vor dem Arbeitsgericht Zwickau von Hamburg aus zu führen.

The Gift

10. Okt 2001, Kinopolis, Hamburg

Wenn frau als Hellseherin ihren Lebensunterhalt verdient, stellen sich fast automatisch drei Probleme ein: erstens schlechte Träume und gruselige Momente erleben, zweitens Nachbarn haben, die einen nicht mögen, und drittens Hauptfigur in einem zweitklassigen Horrorthriller sein.

So widerfährt es jedenfalls einer alleinerziehenden Mutter. Inmitten einer wie gehabt bedrohlich-schwülen Südstaatenatmosphären hat sie alptraumhafte Visionen bezüglich des Verbleibs einer jungen Dame. Selbstverständlich wird die Junge Dame aus dem See gefischt, selbstverständlich wird jemand vor Gericht gestellt und selbstverständlich deuten weitere Visionen darauf hin, dass nicht unbedingt der richtige angeklagt worden ist.

Wohltuend zurückhaltend und dennoch atmosphärisch stimmig setzt „The Gift“ seine Stilmittel ein, lässt Geister erscheinen oder das Wetter mal wieder unmissverständlich klarmachen, dass der Abend recht dramatisch wird. Angenehm ist das Fehlen sich bewegender Fotographien in verwunschenen Häusern, und ein Gehirntumore diagnostizierender Psychiater ist ebenfalls nirgends auszumachen.

Auch nennen muss man die recht gute Darstellertruppe: Kate Blanchett als zerbrechlich-starke Frau im emotionalen Wechselbad, Keanu Reeves wie immer etwas fade agierend aber dennoch mal nett gegen seinen Typ (hier als Hinterwald-Brutalo) besetzt, Kathie Holmes als brünettes Gift und hübsch anzuschauende Leiche.

Hätte also ein guter Film werden können. Hätte, könnte, würde – ist aber nicht! Lebensumfeld und die gängigen Kleinstadt-Typen kommen daher wie aus dem Bilderbuch ausgesucht. Brauchen wir nicht einen netten Lehrer? Dazu ne fiese Schlange? Wie wärs noch mit einem schüchternen, aber gutherzigen Psychowrack? Außerdem eine Frau, die von ihrem Mann verprügelt wird und einen zynischen Polizisten? Für den Anspruchsvollen vielleicht noch einen korrupten Staatsanwalt dazu? Könnt ihr alles haben, und auch noch alle hübsch gespielt – und in jeder Hinsicht zuviel des Guten.

Was jedoch fehlt: Spannung (abgesehen von einigen lichten Momenten), eine interessante Handlung, echten Grusel, ganz sicher ein Showdown und auf jeden Fall Humor und interessante Dialoge. Was bleibt ist ein typischer, mittelmäßiger Mystery-Thriller mit erheblichen Längen, der versucht, mal nicht reißerisch sondern menschlich daherzukommen, damit aber nur langweilen kann.

Hamburg sehen und sterben

Freitag: Das Auto war so voll, dass ich mir ernsthaft Sorgen um Achsen und Federung gemacht habe. Der gute alte Golf hats überlebt, wenn ich aber überlege, wieviel Krämpel noch in der alten Wohnung ist… schauder!

Samstag: Offiziell bin ich ja noch kein Hamburger, daher war meine erste Amtshandlung in der neuen Stadt, ins Wendland zu fahren. Lüchow steht noch, Bernds Rechner machen weiter den üblichen Ärger und das Luci hat heute dicht. Dafür wars im Apex auch ganz nett. Mucke mies, aber gute Leute da. Eines ist schade.

Sonntag: Pennen. War nicht morgen was? Ach so, neuer Job. Never mind… Spaziergang an Alster, Jungfernstieg und – Neugier – auf der Reeperbahn.

Montag: Ein typischer „erster Tag“ mit all seinen Unsicherheiten, der gewissen Nervosität und mit all der Freundlichkeit, die einem entgegengebracht wird.

Dienstag: Ein typischer zweiter Tag: Plötzlich bist du mittendrin. Aber diese totale Internetlosigkeit abends zuhause, die verschafft mir noch zittrige Hände. Mensch kann sich an alles gewöhnen, aber die Decke fällt mir auf den Kopf. Interessanter Besuch bei H. in Altona – es wurde viel zu spät und ich hab die U-Bahn verpasst… Taxen in HH sind nicht teuer, die Strecken sind es. Zum Glück musste ich nur vom Hbf zur Mundsburg, wo mein Auto stand.

Mittwoch: Hey, ich arbeite nicht umsonst gleich am Mundsburg-Center. Mit H. im Kinopolis „The Gift“ gesehen. Ein zweitklassiger Film in einem erstklassigen Kino. Das Kinopolis wird mein neues Stammkino, nicht zuletzt, da ich in jeder Vorstellung ermäßigte sieben DM zahle… außer dienstags. :-)

Donnerstag: Heute hat mich der Verkehr so richtig erwischt. 45 Minuten für 6 km – Rekord? Wo in Hamburg gibt es einen Waschsalon? Egal, ich fange an, die Chose zu lieben. Arbeit macht wirklich Spaß, und hinterher wirds Auto einfach stehengelassen: Einkaufen, ins Kino oder was man sonst so rund um die Mundsburg alles machen kann. Und nach Hause fahren dann später, wenn die Straßen nicht so voll sind. Life is great.

Freitag: Woche überstanden. Alles senkrecht. Morgen ins Wendland. Bin hundemüde aber kanns nicht lassen: Nachts noch runter an die Landungsbrücken und den „Headbangers Ballroom“ sehen. War selten so enttäuscht. Gibt es in dieser Millionenstadt keine größere Rockdisse? Außerdem gabs fast nur Punk, Wave und Gothic – als hätte ich mich nicht schon genug gefreut, endlich nicht mehr nach Lichtenstein ins UNI zu „müssen“. Danach Kaiserkeller. Mir war es schon vor dem Laden zu voll. Ob ich wohl vor 3 Uhr reinkomme, wenn ich mich jetzt (1:45) anstelle? Forget it… Außerdem was soll die ganze Polizei hier? Drogen? Mord? Schill bald Bürgermeister?