Corona und die „kybernetische Illusion“

„Mütend“ ist ein Kofferwort, das im Frühjahr aufkam um die Frustration, die Mischung aus Wut und Müdigkeit angesichts der Corona-Krise zu beschreiben. Ich habe den Eindruck, dass heute mehr Menschen denn je in diesem Gefühlszustand sind. RKI-Chef Lothar Wieler findet von Pressekonferenz zu Pressekonferenz immer deutlichere Worte. Die Wut geht längst nicht mehr von der verquerdenkenden Minderheit aus. Und die Philosophin Sabine Döring warnt davor, dass irgendwann auch einmal die Geduld derjenigen endet, die sich freiwillig vernünftig und solidarisch in der Pandemie verhalten.

Derzeit wird viel geredet über diese Wut, wie mit ihr umzugehen sei und woher sie komme. „Warum sind alle so wütend?“ fragt zum Beispiel der Podcast „Lakonisch elegant“, und unter der Prämisse, dass es keine dummen Fragen gebe, lässt sich das auch halbwegs anhören. Immerhin verleiht das Thema einem Gefühl Ausdruck, das gerade sehr viele Menschen teilen. Im Podcast versucht Philosoph und Journalist Nils Markwardt diese Frage mit einer These zu beantworten: Wir spürten gerade die „kybernetische Illusion“. Wir hätten eine Vorstellung von Gesellschaft, die so gesteuert werden könne, dass ein Ist-Wert in einen Soll-Wert verwandelt werden kann, zum Beispiel die Zahl der Neuinfektionen und der Bettenbelegung. Und uns frustriere die Desillusionierung von dieser Vorstellung.

Ich halte diese These für falsch und auch problematisch.

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Neun Corona-Mythen und Fehlannahmen

Vor zehn Monaten, im Verlauf der zweiten Corona-Welle, habe ich in meinem Blog 18 Corona-Mythen und Fehlannahmen aufgeschrieben. Denn im Verlauf der Sars-CoV2-Pandemie haben sich allerlei Mythen und Legenden herausgebildet, die es erschweren, sinnvoll über Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung zu debattieren. Die meisten dieser Mythen und Legenden haben den Effekt, dass sie eine sinnvolle Diskussion über die jeweiligen Maßnahmen unterbinden.

An diese Liste musste ich wieder denken, seitdem uns politisches Vollversagen in die vierte Welle manövriert hat und die Gesellschaft einer Person gleicht, die schreiend im Kreis rennt, während die Intensivstationen langsam aber sicher in die völlige Überlastung fahren. Doch seit dem letzten Winter hat sich einiges geändert. Über bestimmte Dinge wird heute nicht mehr geredet, dafür ist anderer Unsinn im Umlauf. Neun weitere Punkte sind hinzu gekommen. Zeit für ein Update also.

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Corona 4

Mit 37.120 Neuinfektionen vergangenen Donnerstag und einer Sieben-Tages-Inzidenz von 191 ist die vierte Corona-Welle die bislang höchste in Deutschland. In den nächsten Tagen und Wochen geraten die Intensivstationen über ihre Kapazitätsgrenze, an der einige sowieso schon arbeiten. Dementsprechend wird sich die Zahl der Todesopfer entwickeln. Bundes- und Landesregierungen bleiben weitgehend untätig. Als Ausweg gilt derzeit die Impfung, während fast alle anderen Schutzmaßnahmen bis auf Reste aufgehoben sind. Das ist fatal:

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Tiktok hat Social Media längst weiter getrieben als Facebook

Die chinesische App Tiktok erlebt einen enormen Aufstieg und hat mittlerweile mehr als eine Milliarde Nutzer weltweit. Damit ist die App im Club der ganz großen wie Facebook, Youtube oder Wechat angekommen. Dies schafft die App, obwohl sie einen schlechten Ruf hat, wie zum Beispiel eine Umfrage des US-Magazins „The Verge“ zeigt. Tiktok löst international immer wieder Debatten um Zensur, Jugendschutz, Datenschutz und Spionage aus.

Dieses Negativ-Image steht im starken Kontrast zu den positiven Erfahrungen, die Menschen offenbar mit Tiktok machen. Fragt man sie, sagen die meisten, dass sie von der App gute Laune bekommen. Manche Menschen finden es schön und zugleich auch ein wenig erschreckend, wie gut Tiktok ihre Vorlieben zu kennen scheint und wie zuverlässig es passenden Content ausspielt. Das wird in diesem Ausmaß keiner anderen Social-Media-App nachgesagt.

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Endzeit, eine Gedichtanalyse

bei unserer regelmäßigen Beschäftigung mit kalter Technik und seelenloser Digitalität muss gelegentlich auch einmal Zeit für etwas Erbauliches sein. Deshalb komme ich heute einer Bitte aus dem Internet nach, eine Gedichtanalyse zu verfassen. Die bemerkenswerte Elegie „Endzeit“ hat der allseits geschätzte Archäologe Mirko „Der Buddler“ Gutjahr bei einer gegenswartsarchäologischen Prospektion in einem Leipziger Schaufenster gefunden. (Zum Betrachten in höherer Auflösung bitte auf das Bild klicken/tappen.)

(Fotos: Mirko Gutjahr)

Der Titel „Endzeit“ öffnet trotz seiner Schlichtheit eine monumentale Rahmung.

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Von Büchern und Büchern

Im Kopf herumkramend kam mir das Zitat „Den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft kann man am Zustand ihrer Bibliotheken ablesen.“. Das ist ein schönes Beispiel für ein trügerisches Gedächnis und die Konstruktion von Erinnerung, denn natürlich lautet das berühmte Dostojewski-Zitat: „Den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft kann man am Zustand ihrer Gefangenen ablesen.“ und ich bin froh, diesen Satz nicht getwittert und damit nicht versehentlich zur unaufhörlichen Produktion von Fake-Zitaten in den sozialen Medien beigetragen zu haben.

Jedenfalls: Wir haben solch ein Glück, dass wir seit Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein zugängliche, öffentliche Bibliotheken haben. In der heutigen politischen Landschaft ließe sich so etwas kaum mehr durchsetzen. Eins stelle sich nun vor, jemand erfindet eine Technologie, die es auch benachteiligten Menschen, also zum Beispiel kranke, behinderte, alleinerziehende mit wenig Zeit usw., ermöglicht, Bücher auszuleihen, ohne zu Öffnungszeiten wo hingehen zu müssen. Das kann und darf nicht sein, das muss sofort unterbunden werden! Jedenfalls wenn es nach einer Initiative geht, die sich „Fair lesen“ nennt. Auf ihrer Webseite zeichnet sie mit den Konterfeis von Großverdienerïnnen des Literaturbetriebs ein Bild von Literatïnnen, die am Hungertuch nagen müssen, weil Menschen Bibliotheken benutzen, statt ihre Bücher zu kaufen. Unter der Überschrift „Schreiben ist nicht umsonst“ stehen Sätze wie „Wer die Onleihe für E-Books nahe am Nulltarif fordert, der bedroht die literarische Freiheit in unserem Land.“ Als großflächige Zeitungsanzeige sieht das so aus:

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Non Fungible Tokens

Eigentlich war der 5. Oktober ein Tag, auf den ich mich gefreut hatte. Dann eröffnet in Berlin die Ausstellung „Game Over“. In einer ehemaligen Spielhalle am Nollendorfplatz, die demnächst abgerissen werden soll, zeigen die Dixons urbane und virtuelle Kunst vieler ganz unterschiedlicher Künstlerïnnen. Das gab’s schonmal 2017, hieß „The House“, fand in einer ehemaligen Volksbank in der Nürnberger Str. statt, und die Berlinerïnnen standen Schlange. Auf „Game over“ wollte ich mich eigentlich freuen, doch der folgende TV-Beitrag drehte meine Vorfreude in Ärger um (ab Minute 23:30):

Das hier, liebe Kinder, ist der Grund, warum man auf Koks keine Interviews gibt. Aber mir geht es natürlich nicht um den Substanzkonsum der Dixons, sondern um NFTs. Die sind zwar gerade der heiße Scheiß im Kunstmarkt, aber was NFTs eigentlich sind, haben viele noch nicht so richtig verstanden. Jedenfalls nicht die Dixons. Nein, NFTs sind keine digitalen Kunstwerke, „wo nur du den Schlüssel hast, dir dieses Kunstwerk anzuschauen“.

Aber was sind „Non Fungible Tokens“ (NFTs) dann?

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Berliner Stimmzettelchaos

Mit Wahlcomputern wäre das Berliner Stimmzettelchaos so wohl nicht passiert. Doch die Maschinen haben ihre Tücken.

Am Wahlsonntag waren in Berlin teilweise chaotische Szenen zu erleben. In mehreren Wahllokalen fehlten Stimmzettel oder lagen falsche vor, die für andere Bezirke vorgesehen waren. Menschen mussten teils stundenlang Schlange stehen, bis neue Stimmzettel geliefert wurden. Angeblich wurde das auch dadurch erschwert, dass zeitgleich der Berlin-Marathon stattfand und viele Straßen gesperrt waren. Berichten zufolge gingen in einem Wahllokal die blauen Stimmzettel für die Zweitstimme zur Abgeordnetenhauswahl aus. Den Wartenden wurde vorgeschlagen, dass sofort wählen könne, wer bereit sei, auf diese Zweitstimme zu verzichten, worauf durchaus einige Wähler:innen eingegangen sein sollen.

Die Situation verschärfte sich dadurch, dass sich auch vor Wahllokalen, in denen alles normal lief, lange Schlangen bildeten. In Berlin wurde neben dem Bundestag auch noch über Parteien und Direktkandidat:innen fürs Berliner Abgeordnetenhaus, den Bezirksverordnetenversammlungen sowie über den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ abgestimmt. Das Ausfüllen der insgesamt vier Wahlzettel und das Desinfizieren der Wahlkabinen nach jedem einzelnen Wahlgang kostete schlichtweg Zeit.

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