Kategorien
Blog

Park’s Law

Ich bin größenwahnsinnig geworden und trete hiermit in die Fußstapfen von Godwin, indem ich ein Gesetz aufstelle und es bei der Gelegenheit gleich mal nach mir benenne. Sollte Park’s Law schon woanders formuliert worden sein, bitte ich um Mitteilung: Ich konnte nichts finden. Es geht um ein Kommunikationsmuster, das mir schon lange auffällt, aber die letzten Wochen zum Beispiel rund um die Pseudonymdebatte oder auch den Tod von Amy Winehouse sehr ins Auge gestochen ist. Es handelt sich um eine Variante von Godwin’s Law:

Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für den Vorwurf, das Diskussionsthema sei irrelevant angesichts anderer viel wichtigerer Dinge, dem Wert Eins an.

Auf den ersten Blick sieht es aus wie Godwin’s Law („Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert Eins an.“), funktioniert aber im Detail anders. Beispiele:

  • „Wie könnt ihr über den Tod von Amy Winehouse trauern, die ja schließlich selber schuld war, während in Norwegen 80 unschuldige Jugendliche ermordet wurden?“
  • „Was soll die Diskussion über die Klarnamenpflicht bei Google? Habt ihr keine echten Probleme?“
  • „Ihr diskutiert ernsthaft über Diäten, während in der 3. Welt Kinder verhungern?“
  • „Wie kannst du in deiner Situation von Diskriminierung reden angesichts Millionen ermordeter Juden?“
  • „Woher nimmst du die Frechheit, dich zu beklagen, wo doch der Herr für dich am Kreuze starb?“

Im Gegensatz zu Godwin’s Law werden obige Äußerungen in der Regel nicht von Diskussionsteilnehmern gemacht, die „gewinnen“ wollen, sondern von „Diskussionspassanten“, die zum Beispiel via Facebook oder Google+ eher zufällig in eine Debatte geraten und offenbar ein Problem damit haben, dass andere Menschen angeregt ein Thema diskutieren oder einen Sachverhalt beklagen, den sie nicht für relevant halten (was sie nicht daran hindert, sich im folgenden in der Diskussion festzubeißen).

Mit solchen Äußerungen verschafft sich der Störer eine Art moralische Instant-Überlegenheit. Dem liegt die Vorstellung zu Grunde, nur weil es irgendwo objektiv größeres Leid oder größere Probleme gibt oder mal gegeben hat, dürfe man sein eigenes mehr oder weniger kleines Problem nicht diskutieren oder gar öffentlich beklagen. Das gipfelt häufig in den typischen Ausspruch „Get a life!“ also der Unterstellung, man führe kein sinnvolles Leben, wenn man sich mit dem betreffenden Thema befasst (oder twittert oder ein iPhone besitzt). Es handelt sich also prinzipiell um ein Denk- und Fühlverbot.

Besonders beliebt ist auch die Verharmlosung psychischer Erkrankungen („Stell dich nicht so an“), das Leugnen mitmenschlicher und gesellschaftlicher Verantwortung („Du bist selbst für deine Gefühle verantwortlich.“),  die Unterstellung von Disziplinlosigkeit („Reiß dich zusammen.“) oder die Rechtfertigung von Unrecht mit anderem Unrecht („Anderen passiert sowas auch.“) und der Vorwurf der Instrumentalisierung („Du willst dich damit ja bloß profilieren.“).

Während ein Nazivergleich eine Diskussion meistens beendet, fängt sie nach einem der oben genannten Einwürfe oft erst an, hitzig zu werden, wechselt aber das Thema hin zur Rechtfertigung der Diskussion als solcher, was dann allerdings meistens durch das Eintreten von Godwin’s Law endet. Es gibt gute Chancen, die Diskussion am Leben zu erhalten, wenn man der klassischen Regel „Don’t feed the troll“ folgt und Einwürfe dieser Art ignoriert, was zugegeben selten leicht fällt. Problematisch dabei ist, dass diese Trolle sich selbst nicht für welche halten.

Ergänzung: Eine schöne Auflistung der „Internet-Gesetze“ gibt es bei Felix Schwenzel. Man könnte sich jetzt fragen, ob „Get a life“ nicht auch eine Abwandlung von Hartges zweitem Gesetz ist, aber ich glaube eher nicht. Auf G+ moniert jemand, man dürfe Gesetze nicht nach sich selbst benennen, sondern nur nach anderen. Hier mache ich von meinem Recht auf multiple Identitäten Gebrauch.

Kommentare sind geschlossen.