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Homöopathie ist ein Segen fürs Gesundheitssystem

Nun kocht er im Sommerloch wieder hoch, der Streit um die Homöopathie. Dabei geht es keinesfalls darum, die Homöopathie als solche zu verbieten, sondern nur den Krankenkassen, noch Homöopathie zu bezahlen, damit das so gesparte Geld sinnvoller verwendet werde. Ich halte zwar schlichtweg gar nichts von Homöopathie, aber muss bekennen: Ja, ich habe das Zeug auch mal genommen.

Mein ehemaliger Hausarzt hatte mir vor Jahren ein homöopathisches Antiallergikum verschrieben und ich hatte subjektiv das Gefühl, dass es hilft. Allerdings hat er mir auch einmal ein anderes Mittel gegen etwas völlig anderes verschrieben. Eine ganze Weile später habe ich die Namen verwechselt und versehentlich das falsche Mittel gegen Heuschnupfen eingenommen – bei subjektiv dem gleichem Gefühl, dass es wirke. Und nein, dieses andere Mittel hat nichts, aber auch gar nicht mit Heuschnupfen und Allergien zu tun.

Meine subjektive Erfahrung entspricht also den klinischen Ergebnissen, dass homöopathische Mittel nur als Placebo wirken. In dem Zeug ist nichts drin außer einer esoterischen „Energie“, die der bis zur Nicht-Existenz aufgeflöste Wirkstoff darin hinterlassen haben soll. Eine Wirkung über ein Placebo hinaus konnte in immer neuen Studien nie belegt werden. Homöopathie ist reine Glaubenssache, sonst nichts.

Tatsächlich trägt die Homöopathie alle Merkmale eines religiösen Kultes. Das Prinzip des „Gleiches mit Gleichem heilen“ ist eine klassische Analogiehandlung, versehen mit dem Ritual des Schüttelns und Zerreibens nach bestimmten Regeln und dem Glauben an eine okkulte Kraft der Substanz, das Wasser oder die Globulikügelchen irgendwie zu energetisieren. Da jeglicher wissenschaftlicher Unterbau fehlt, kann Homöopathie nur mit mittelalterlicher Alchemie verglichen werden. Das Problem ist jedoch, dass die Homöopathie den Patienten nicht als Religion oder Esoterik angedreht wird, sondern als Wissenschaft.

Wie für jede Religion und jeden quasi-religösen Glauben gilt die Glaubensfreiheit. Der Homöopathie-Glaube unserer Mitmenschen ist als solcher zu akzeptieren wie jeder andere Glaube auch. Natürlich kann es gefährlich werden, wenn Gläubige lieber ihre Rituale praktizieren, als zum Arzt zu gehen – aber da ist jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. Aufregen kann ich mich nur, wenn Eltern ihre Kinder zum Homöopathen schicken, anstatt sie von Empirikern medizinisch behandeln zu lassen.

Problematisch wird das ganze erst im Gesundheitssystem: Niemand käme auf die Idee, die Krankenkassen sollten Weihwassergaben oder Fahrten nach Lourdes finanzieren. Die Solidargemeinschaft hat nicht die Glaubensrituale ihrer Mitglieder zu finanzieren. Karl Lauterbach und alle anderen Politiker, die jetzt eine Streichung von Homöopathie aus den Kassenleistungen fordern, haben also völlig recht. Haben sie?

Seien wir mal ehrlich: Ich weiß nicht, wie es mir in ein paar Jahren gehen wird, aber die allermeisten meiner Arztbesuche und Krankschreibungen drehten sich um grippale Infekte und ähnliches, die so gut wie nie näher untersucht werden. Stattdessen bekommt man Lutschtabletten gegen Halsschmerzen und vielleicht noch Schleimlöser. Genauso könnte man Kamille inhalieren und sich Bier warm machen. Was man vor allem braucht, sind ein paar Tage Ruhe, um sich auszukurieren. Arbeitnehmer holen sich ihren gelben Schein ab, Selbstständige biegen sich ihre Termine irgendwie hin und gehen meist gar nicht erst zum Arzt.

Der Arztbesuch und die gegen die Symptome verschriebenen Mittel verursachen immer Kosten. Und da kommt ein großer Teil der Versicherten daher und ist freudig bereit, sich aufgrund seines Glaubens mit sehr viel preiswerteren Placebos behandeln zu lassen und dafür bei den meisten Kassen auch noch freiwillig Zusatzbeiträge zu bezahlen – könnte dem Gesundheitssystem überhaupt etwas besseres passieren?

Homöopathie ist ein Segen fürs Gesundheitssystem und ich vermute, dass die meisten niedergelassenen Ärzte, die sie praktizieren, das ganz ähnlich sehen. Anderenfalls muss man sich fragen, auf welche Weise sie eigentlich ihr Medizinstudium rezipiert haben und was ansonsten von ihrer ärztlichen Ausbildung zu halten ist. Denn sobald Homöopathie für mehr als nur optionale Symptomlinderung verwendet wird, beginnt sie ganz schnell, gefährlich zu werden.

P.S.: Ansonsten möchte ich allen die vorzügliche Serie „Homöopathie“ von Christian Specht ans Herz legen.

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