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Das Versprechen

17. Okt 2001, Kinopolis, Hamburg

Wenn kleine Kinder misshandelt und verstümmelt in der Landschaft gefunden werden, sorgt das für Schlagzeilen, Verstörung, Wut in der Bevölkerung und hektische Stunden im Polizeirevier. Speziell Polizisten sollten jedoch auf sich acht geben, denn die Jagd nach dem unbekannten, phantomhaften Täter selbst kann auch zu einer zerstörerischen Obsession werden.

„Das Versprechen“ erzählt die Geschichte des alten Mannes bei der Polizei, der seinen letzten Fall löst, obwohl er eigentlich schon pensioniert worden ist. Was für sich genommen schon ein unerträgliches Klischee wäre, ist hier Kern der Handlung – manche Menschen verlieren mit ihrer Aufgabe auch jeden Sinn in ihrem Leben. Basierend auf Friedrich Dürrenmatts Roman „Es geschah am hellichten Tag“, der bereits vor Jahrzehnten mit Heinz Rühmann und Gerd Fröbe verfilmt worden war, sehen wir diesen Niedergang, die allmähliche, komplette Auflösung all dessen, was das Leben lebenswert macht.

Um nicht am Ende zu sein, wird es für Jerry zur totalen Obsession, einen Kindsmörder zu finden und verfolgt zäh und in verbissener Arbeit die geringsten Spuren. Nur oberflächlich scheint er Gedult zu haben, wir sehen ihn als unrasierten Kettenraucher in seiner Tankstelle auf den Mörder wartend, von dem er nur ein ungefähres Bild hat. Nur sehr, sehr langsam ergeben sich neue Fakten. Sehr allmählich gewinnt Jerry das Vertrauen einer Nachbarin, bis er sie schließlich mitsamt Tochter bei sich einziehen lässt.

Wer die Romanvorlage kennt, weiß, dass Jerry das Kind zwar lieben lernt, es vor allem aber als Lockvogel braucht. Moralische Werte verschieben sich, werden gleichgültig bei dieser Jagd auf einen Mörder, der nie greifbar ist. Ein schöner Kunstgriff des Filmes ist, ihn in keiner Einstellung wirklich zu zeigen. Trotz der gelegentlichen drastischen Szenen geht es eigentlich nie um die Jagd an sich, sondern vor allem immer um Jerrys immer grimmiger werdende Obsession, seine Verlorenheit, sein Unvermögen, ein normales Leben zu führen.

Zwischen den oft sehr kurzen Dialogsequenzen setzt Regisseur Jean Penn lange, meditative Natureinstellungen, lässt viel, sehr viel Zeit vergehen, Jahreszeiten verstreichen. Kann man deutlicher darstellen, wie quälend das Warten sein kann, als den Zuschauer selber auf dem Kinosessel zu quälen und den Film in die länge zu ziehen (und zwar ohne eine einzige überflüssige Szene zu zeigen)? – Man kann eigentlich nicht, und neben Jack Nicholsons grandiosem Spiel, neben den Naturaufnahmen zwischen Idylle und Verlorenheit, neben dem zwar vordergründigen aber dennoch sehr intelligenten Plott ist es vor allem diese Langgezogenheit, die allmählig zur Qual wird und den Zuschauer am Ende genauso alleine lässt wie Jerry, der merken muss, dass all sein Tun zweifelhaft, seine Obsession vergeblich war.

„Das Versprechen“ könnte viele Zuschauer maßlos langweilen, ja verärgern. Der Film ist keine flotte, vordergründige Unterhaltung, zeigt aber, dass es manchmal nötig sein kann, den Zuschauer ebenso zu quälen wie die Hauptfigur. Das Thema von Dürrenmatts „Es geschah am hellichten Tag“ setzt er jedenfalls grandios und zwingend um wie selten eine Literaturverfilmung.

USA 2001, 124 min
mit Jack Nicholson, Mickey Rourke, Patricia Clarkson
Regie: Sean Penn